Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Zur Abwehr! Erwiderung des Rechtsanwalts Ar. Saul daß nicht die von außen kommende Gnade, die schenkt, sondern die eigene Tat wahrhaftes Leben ist. So entschieden ist die Gesamtrichtung des Judentums auf den Gedanken eingestellt, daß ein handeln nach dem Gesetz wahrhafte Frömmigkeit ist, daß man den Satz prägen konnte: „Größer ist derjenige, der etwas tut, weil ein Gesetz ihn dazu verpflichtet, als derjenige, der es tut, ohne daß ein Gesetz ihn dazu verpflichtet" (Ridduschin 3Ja). Man kann diesen grundlegenden Unterschied gar nicht kräftig genug betonen, und gar nicht deutlich genug darauf Hinweisen, daß die Strömungen im Judentum, die gegen die Verbindlichkeit einzelner Gesetze ankämpsen, nicht etwa eine Annäherung an die christliche Anschauung bedeuten. Das gesamte Lhristrntum ist prinzipiell gesetzesfeindlich, das gesamte Judentum ist im Prinzip dem Gesetze freundlich. Mag die eine oder die andere Strömung noch so sehr dies oder jenes Gesetz ablehnen, es bleibt dabei, daß man das Prinzip der Gesetzesreligion hochhält, weil man in der Erfüllung eines Gesetzes zugleich eine selbstlose Eingabe an Gott und ein ftohes Bewußtsein der eigenen Kraft und würde erblickt, während das Christentum gerade das Prinzip des Gesetzes verneint und an Stelle des Gesetzes, auch des Sittengesetzes, Gnade und Erlösung emporhebt. Zur flbroehr! €rroiderung auf den Rrtikel des Dr. 6 Witkorosky „DieSdimach von Duisburg“ in Flo. 47 der „lüdifchen Rundfdiau“. von Reditsanmalt Immanuel Saul-Duisburg. nter der oben wiedergegebenen Ueberschrift hat ein Herr Dr. Gustav Witkowsky es unternommen, das Verhalten der liberalen Duisburger Juden bei der vorjährigen Repräsentantenwahl in Duisburg unter die zionistische Lupe zu nehmen. Die nachstehende, auf authentischem Akten- und jDuellenmaterial aufgebaute Darstellung wendet sich an unbefangene, durch jDarteihaß nicht verblendete jüdische Leser und stellt diesen die Entscheidung darüber anheim, ob die von Herrn Dr. Witkowsky so schwer angegriffenen, vor der ganzen jüdischen Welt bloßgestellten Männer schmachvoll gehandelt haben, und mit welchem Ausdruck das Pamphlet des Herrn Dr. Witkowsky zu bezeichnen ist. In Duisburg haben sich die Wahlen für die jüdische Gemeindevertretung in früheren Zeiten stets in ruhigen, würdigen Formen vollzogen, von heftigen Wahlkämpfen mit all den unerquicklichen Begleiterscheinungen, wie sie bei politischen Wahlen leider ein notwendiges Uebel zu fein scheinen, konnte nie die Rede sein. Das wurde anders, als die Zionisten sich anschickten, „die Gemeindestube zu erobern". In den letzten Jahren sind zahlreiche Glaubensgenossen aus den polnischen Landrsteilen Oesterreichs und Rußlands in Duisburg eingewandert. Diese Glaubensgenossen, überwiegend galizischer Herkunft, mochten z. Zt. der vorjährigen Repräsentantenwahlen etwa 70—80 (nicht, wie Witkowsky meint, ^5) wahlberechtigte stellen. Sie gehören zum großen Teil der chassidischen „Sekte" an, haben sich zu zwei Separatgemeinden zusammengeschlossen, halten in eigenen Bethäusern Gottesdienst nach ihrem Ritus, halten einen eigenen Schächter und haben sich, wie dies unter diesen Umständen doch eine ganz selbstverständliche Pflicht religiösen Taktes und politischen Anstandes ist, um die Vorgänge der stets im liberalen Sinne geleiteten Hauptgemeinde nie gekümmert. Sie mußten selbstverständlich ihre Rultussteuern