Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Mathil-e Mertheinr Aas liberale Judentum vom Standpunkt des Laien 5 . des Judentums treten lassen und reißen daher nicht bloß ein, was ohnehin längst morsch und faul geworden, sondern bauen viel mehr auf, ein neues, schöneres, unser Herz und unfern verstand befriedigenderes, unfern Neigungen und Bedürfnissen, Empfindungen und Gesinnungen entsprechendes Judentum.! Indem wir den im Laufe der Jahrhunderte angehäuften Schutt und Moder entfernen, kehren wir zum eigentlichen alten Judentum zurück, zum Urjudentum, zum prophetischen Judentum. Lesen Sie bitte in der Bibel und Sie werden erfahren, worin das prophetische Judentum besteht. Lesen Sie die Inschrift an der Wand unserer Synagoge: „Verkündet hat er Dir, o Mensch, was gut ist, und was Gott von Dir verlangt: Recht zu üben, Liebe zu wahren und in Demut zu wandeln vor Deinem Gott." .Lesen Sie den Prophetenabschnitt am versöhnungstage: „Ist nicht das ein Fasten, wie ich es liebe: abstreifen die Ueffeln der Sünde, lösen die Bande der Unterdrückung, das Joch abnehmen den Mühseligen und Beladenen! Ja, dem Hungriger: brich dein Brot, umhergestoßene Arme führ' in dein Haus, dann wirft du beten, und Gott wird dich erhören." Lesen Sie dieses und viele andere Steller: aus den Propheten, und Sie werden erfahren, daß die liberale Bewegung nichts anderes will, als Rückkehr zum alten prophetischen Judentum. Noch eins was mir am Kerzen liegt, kann ich nicht unerwähnt lassen. Ich habe in letzter Zeit vielleicht etwas temperamentvoll und übereifrig in privaten Kreisen unserer Gemeinde» Propaganda für den Beitritt zur liberalen Vereinigung zu machen gesucht, da wurde mir aber von verschiedenen Seiten entgegnet: „Was brauchen wir in unserer Gemeinde der liberalen Vereinigung beizutreten, wir sind ja schon liberal." Seien wir ehrlich und aufrichtig, die Aachener Gemeinde war religiös liberal, sie ist es aber nicht mehr. Sie war es damals, als mein Vater hier den Gottesdienst zeitgemäß umgestaltet hat, bis vor ungefähr 25 Jahren. Damals als unsere Synagoge an jedem Festtag und Sabbat von religiös gesinnten Besuchern gefüllt war. Wir sind jetzt, zum großen Teil wenigstens, indifferent gleichgültig, teilnahmslos geworden. Allerdings ein 'Zustand, den wir mit manchen anderen Gemeinden, wo es vielleicht noch schlimmer aussehen mag, teilen. Es kommt mir nicht zu, Ihnen eine Mahn- und Strafpredigt halten zu wollen, ich möchte nur Tatsachen feststellen soweit meine Beobachtungen reichen. Gewiß haben wir hier Gott Lob eine ganz stattliche Anzahl von Männern und Frauen, die in Gesinnung und Lebensweise treue und warme Anhänger unserer Religion sind, aber neben diesen haben wir drei Arten von Gemeindemitgliedern, die ich einteilen möchte in: Auch-Iuden, Noch-Iuden, Muß- Juden. Wir haben Auch-Juden. Das sind diejenigen, die aus Gewohnheit oder Pietät immerhin Sinn und Empfindung für ihre Religion haben. Aber schwach und lau, deren religiöse Bedürfnisse leicht und rasch befriedigt werden, etwa damit, daß sie ein bis zweimal im Jahre, Neujahr und versöhnungstag, dem lieben Gott in der Synagoge ihre Staatsvisite machen. Wir haben ferner: Noch-Iuden, das sind diejenigen, die zu uns gehören, weil es ihnen feig und ehrlos erscheint, zum christlichen Lager überzugehen, die aber für die Religion des Judentums nichts fühlen, von der Religion des Judentums nichts wissen wollen! k Leider fehlt es in unserer Gemeinde auch nicht an Muß-Juden. Das sind die