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Liberales Judentum · 1914-01-01 · Heft 1 (Januar 1914) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 1 (Januar 1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Mathilde Wertheim: Aas tiderate Judentum vom Standpunkt des Faren °° Zahl aus demi-,alten Judentum überkommener Vorschriften und Gebräuche, die wir beim besten Willen nicht üben können, wenn wir nicht in Konflikt kommen wollen mit dem Leben und uns selbst? Kann heutzutage hier zu Lande ein Kaufmann, ein Arzt, ein Rechtsanwalt, ein Beamter, ein Soldat den Sabbat als Ruhetag streng halten, wie es im Schulchan Aruch vorgeschrieben ist? Er müßte, wenn er dies wollte, auf seinen Erwerb, seine Stellung verzichten. Was hat es also für einen Zweck, wenn die Orthodoxen sich in die Brust werfen und uns zurufen, nur das alte Judentum ist das Richtige. Dieses alte Judentum ist aber nicht nur nicht mehr lebensfähig, sondern seine Aufrechterhaltung ist geradezu gefährlich; denn: grade daher, daß man meint, das alte Judentum in Bausch und Bogen mit seinen strengen und starren Formen und strengen Aeußerlichkeiten müsse erhalten bleiben und der sei kein rechter Jude, der an ihnen nicht festhält, gerade daher kommt es, daß viele, darunter auch nicht wenige Kinder der Orthodoxen, das ganze Judentum verwerfen, mit den Formen auch den Inhalt, mit dem Aeußern auch das Innere, weil sie in den Augen anderer, wie in ihren eigenen, mit dem Aufgeben gewisser Vorschriften und Bräuche doch glauben aufgehört zu haben, rechte und echte Juden zu sein. Rlit dem Motto der Orthodoxie: Entweder alles oder Nichts, entweder das alte Judentum oder gar kein Judentum, kommt man in unserer Zeit nicht weit. Die Folge ist, daß nicht alles, sondern nichts gehalten wird. .Daß nicht das alte Judentum, sondern gar kein Judentum übrig bleibt. Ja! so fragen aber die Gegner und Zweifler, was bleibt denn für euch Liberalen vom Judentum noch übrig, ihr geht za auch radikal vor. Ihr verwerft und zerstört ja alles. Ihr wollt ja auch von den schönen alten Bräuchen und Sitten, die früher das Leben des Juden so gemütvoll gestalstalteten, nichts wissen. Ihr reißet bloß ein, aber ihr versteht nicht aufzubauen. Diese Anklage ist ganz unberechtigt, so oft sie auch erhoben wird und nur darum erhoben werden kann, weil man die liberale Bewegung nicht versteht, oder nicht verstehen will. Auch mit dem Liberalismus bleibt vom Judentum viel, sehr viel übrig und zwar das beste und wichtigste. Wenn der Gärtner im Vorfrühling die welk und dürr gewordenen Zweige vom Baume entfernt, dann kann man nicht sagen, daß vom Baum nichts übrig bleibt, dann wächst und gedeiht er erst recht in herrlichster Pracht. Wir Liberalen wollen nur das welk und unnütz Gewordene aus dem Judentum entfernen, wir wollen nicht das ganze jüdische Zeremonialgesetz, nicht alle Formen aUfheben, denn, wir wissen, daß Zeremonien und Formen jeder Religion wichtig sind, damit der religiös gesinnte Mensch sich auch religiös äußern und betätigen kann. Wir wollen nur solche Formen beseitigen, die in früheren Zeiten angebracht gewesen, die uns jedoch nicht mehr religiös stimmen können, die für uns nur zu leeren, inhaltlosen Formeln geworden sind. Wir gehen nicht radikal vor, denn radikal Vorgehen heißt doch, etwas mit der Wurzel ausreißen. Wir wollen aber das Judentum nicht untergraben, sondern im Gegenteil befestigen und kräftigen. Die Wurzeln des Judentums sind ein reiner vernünftiger Gottesglaube, eine erhabene, gesunde Morallehre. Und alle Einrichtungen und Satzungen, die uns zu Gott erheben, die uns innerlich erbauen, läutern, bessern und veredeln können, sollen vom Judentum übrig bleiben. Damit bleibt viel, das beste und wichtigste vom Judentum übrig. Wir wollen an die Stelle veralteter, nichtssagender, lästiger und störender Aeußerlichkeiten die Verinnerlichung, Vertiefung und Veredlung

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