Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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oo Mathilde Mrrtheim: Aas liberale Judentum vom Standpunkt des Faien 3 schicken wollte. Der eine Sohn war etwas unbeholfen und unselbständig, der andere intelligent und selbständig. Da rief er vor ihrer Abreise die beiden Söhne zu sich und sprach zum Unselbständigen: Du hast eine weite Reise vor Dir, mein Sohn, bevor Du Dein Ziel erreichst; ich fürchte nur, daß Du Dich nicht immer wirst zurechtfinden können. Darum habe ich Dir hier alles bis ins Einzelne aufgeschrieben, wie Du Dich auf der Reise zu verhalten hast. wie weit Du täglich wandern, wo einkehren, was Du zu verzehren, kurz alles, was Du tun und lassen sollst, bis Du Dein Vorhaben erreicht hast. Alsdann sprach er zum zweiten Sohn: Dir mein Sohn brauche ich nicht viel Verhaltungsmaßregeln anzugeben. Du bist reif und selbstständig. Du wirst wissen, in welcher Art Deine Reise zu führen ist, und ich gebe Dir daher nur kurze Winke und allgemeine Ratschläge. Sie haben gewiß erraten, was dies Gleichnis soll. Beide Söhne des Judentums, die orthodoxen und die liberalen, haben das gleiche Ziel: Die Anhänglichkeit an die Religion, religiöse Gesinnung und religiöses Leben zu erwecken, zu fördern und zu erhalten. Die Orthodoxen fühlen sich unbeholfen und unselbständig, bedürfen der Unmasse von einzelnen Vorschriften, um zu ihrem Ziele zu kommen. Die Liberalen fühlen sich reif und selbständig, und glauben auch dann ihr Ziel erreichen zu können, wenn ihnen nur im allgemeinen in großen Zügen Richtschnur und Richtlinien zu ihrem religiösen Verhalten gegeben werden. Die Liberalen glauben um so mehr sich auf eigene Füße stellen zu dürfen, als noch etwas anderes inbetracht kommt, wie uns das Gleichnis von vorhin noch weiter zeigen kann. Der vorsorgliche Vater, der seinem unselbständigen Sohn so viele Verhaltungsmaßregeln auf die Reise mitgab, hatte vor vielen Jahren selbst die Reise gemacht. Aber seitdem hatte sich manches geändert. Alte Wege waren verschüttet und unwegsam geworden. Neue Wege entstanden, alte Herbergen waren eingegangen, neue erstanden, alte Münzen waren außer Rurs gesetzt und neue zur Geltung gekommen. Und als der Sohn genauer an die Eingaben und Vorschriften seines Vaters sich halten wollte, ging er in die Irre. Ganz anders der reife und selbständige Sohn. Der ließ sich nicht so leicht irre machen, er wußte bald Bescheid, machte sich auf und erreichte bald das Endziel seiner Reise. Nun, die religiösen Vorschriften und Verhaltungsmaßregeln, die religiösen Sitten und Gebräuche, die im Schulchan Aruch gesammelt sind, stammen aus alter, sehr alter Zeit. Seitdem hat sich gar manches geändert in der Welt. Die Orthodoxen täuschen sich selbst, oder täuschen andere, wenn sie meinen, das alte Judentum zu erhalten, oder erhalten zu können. Eine ganze Reihe von religiösen Satzungen mußten längst den veränderten Zeiten und Ortsverhältnissen weichen. In früherer Zeit galt es im Judentum als Sünde, ein deutsches Buch zu lesen, als Sünde, ein Theater zu besuchen, galt es als Sünde, entblößten Hauptes zu gehen, galt es als Sünde, am Sabbat das Haar zu schlichten, galt es, bei den Männern als Sünde, keine Stirnlöckchen (j)eies) zu tragen, den Bart nicht lang und wild wachsen zu lassen. In unserer Zeit können sich die Orthodoxen um alle diese Vorschriften, denen noch viele andere hinzugefügt werden können, nicht kümmern. Und nun erst für für uns andere, die wir nicht zur Orthodoxie uns bekennen, die wir Rinder unserer Zeit, die wir moderne Menschen sind, mit veränderter Bildung, verändertem Geschmack, veränderter Lebensanschauung und veränderter Lebensweise. Gibt es für uns nicht eine überaus große