Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Mathilde Wertheiin: Mas liberale Judentum vom Standpunkt des Faien Juden in Gesinnung und Leben religiösliberal sind, das offizielle, das allein sich für berechtigt haltende Judentum orthodox ist; daß eine Organisation, eine Vereinigung sich bilden müsse, die offen und mutig für den liberalen Gedanken eintreten und zeigen soll, daß nach der Geschichte und dem Geiste des Judentums der Liberalismus zum mindesten ebenso so berechtigt ist, wie die Orthodoxie. Daß man ein freier und doch dabei treuer Jude sein könne. Der Weckruf der liberalen Rabbiner hat starken Widerhall gefunden. In unserer Gemeinde selbst hat sich eine Ortsgruppe mit ungefähr ^0 Mitgliedern gebildet. Um für die liberale Vereinigung noch weitere Propaganda zu machen, hielt vor einiger Zeit Herr Rabbiner Dr. Raelter aus Danzig hier in einer gutbesuchten Versammlung einen beifällig aufgenommenen Vortrag. Der Vorstand der 'Ortsgruppe hat für den heutigen Abend eine neue Versammlung einberufen und mir den Auftrag erteilt, in dieser Versammlung das Wort zu ergreifen. Indem ich mich dieses ehrenden Auftrages entledige, bin ich mir der Schwierigkeiten desselben wohl bewußt, der Schwierigkeiten in mir und der Schwierigkeiten außer mir. In mir: denn ich bin zwar Rabbiners-Tochter, aber — nicht Rabbiner und besitze bei allem Interesse für religiöse Fragen nicht das theologische und wissenschaftliche Rüstzeug, um mit Hilfe eines Gelehrten - Apparates diese Fragen zu behandeln. Ich bin Laie und kann nur vom Standpunkte des Laien mich darüber äußern. Ich glaube aber, daß auch wir Laien ein Recht haben, uns über religiöse Dinge ein Urteil zu bilden. Das Judentum, so wurde ich belehrt, ist ja keine Priester-, sondern eine Volks-, eine Laienreligion. Nicht Priester sollen uns sagen, wie wir religiös empfinden und handeln sollen, sondern aus unserm eigenen Innern heraus sollen unsere religiösen Empfindungen und Handlungen kommen, unfern eigenen Bedürfnissen entsprechend. Wir Laien wissen am besten, was uns Not tut, wo uns der Schuh drückt. Ferner glaube ich, daß die Rabbiner auch aus einem anderen Grunde nicht die einzigen Vertreter und Wortführer der gegenwärtigen liberalen Bewegung sein können; der Stand und die Stellung der Rabbiner erfordert es, daß sie Rücksicht nehmen auf die verschiedenen Richtungen und Parteien im Judentum, um sich soweit als möglich bei allen Angehörigen ihrer Gemeinden Autorität und vertrauen zu erhalten. Sie wollen und sollen, so weit es geht, über den Parteien stehen und müssen daher bei aller Ehrlichkeit und Gesinnungstüchtigkeit doch vorsichtig und zurückhaltend sein. Wir Laien sind darin besser gestellt. Wir brauchen uns nicht zu genieren, wir können frei und offen sagen, was uns fehlt, was wir wollen und wünschen, was wir bezwecken und erstreben. Und was ist das? Da sind es die Schwierigkeiten außer mir, von denen ich vorhin gesprochen habe; denn wir begegnen oft dem Einwurf: Ihr Liberalen, ihr wißt nicht, was ihr wollt. Die Orthodoxen, die wissen was sie wollen; sie wollen das alte überkommene Judentum konservieren. Die haben ihren Schulchan Aruch mit semen J3 000 Vorschriften und wissen, wie sie sich auf Schritt und Tritt zu verhalten haben, haben ihren sichern zuverlässigen Reisebegleiter auf ihrer Wanderschaft durch das religiöse Leben. Ihr Liberalen aber, ihr gebt das alte Judentum auf und ein neues habt ihr noch nicht. Ihr schwankt und wankt hierhin und dorthin, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Gestatten Sie, darauf mit einem kleinen Gleichnisse zu antworten. Ein Vater hatte zwei erwachsene Söhne, die er beide nach einem bestimmten Ziele auf Reisen