Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 287 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau: Sielefeld — Berlin 287 entgegengestellt, kürzer, die Mittelpartei genannt. Sie nennt sich selbst die Partei des Friedens, allein sie fördert den Frieden auf Resten der Wahrhaftigkeit, denn sie geht darauf aus, die vorhandenen Gegensätze zu vertuschen und züchtet dadurch geradezu die Gleichgültigkeit. Darum ist der Liberalismus gezwungen, die Tendenzen der „Mittelpartei" zu bekämpfen. Da dle Orthodoxie die Indifferenten nicht wieder zu gewinnen vermag, da die Scheinorthodoxie der Mittelpartei dem! Indifferentismus gar noch Vorschub leistet, so bedürfen wir zur Erhaltung des Judentums des Liberalismus. Sache unserer liberalen Vereinigung ist es, aufklärend zu wirken, und fteie Aussprache herbeizuführen über alle religiösen Angelegenheiten, freie Aussprache in Wdrt und Schrift. Der schriftlichen Aussprache dient unser Organ „Liberales Judentum", das kein bloßes Theologenblatt fein, sondern auch dem Laienelement Gelegenheit geben will, seine Anschauungen vorzutragen. Für die mündliche Aussprache wiederum sind die Ortsgruppen da, und wo sie noch nicht vorhanden sind, da müssen sie geschaffen werden. Nur durch rege und eifrige Arbeit "der Ortsgruppen wird es unserer Bewegung möglich werden, die deutschen Juden der Gegenwart zu ideal gesinnten, sittlich-religiösen Menschen zu erziehen. Den interessanten Ausführungen folgte lebhafter Beifall. An den Vortrag schloß sich eine Diskussion an, in der auch ein Vertreter der Orthodoxie zu Worte kam, der indessen von dem Referenten in seinem Schlußwort treffend widerlegt wurde. Eine Anzahl neuer Mitglieder sind der Vereinigung durch die Versammlung gewonnen. Serlin, den 5. Dezbr. \9\3. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin hielt am 2% November eine Mitglieder - Versammlung ab. Diese Versammlung hatte den Zweck, den Mitgliedern ein Bild von der diesmaligen Wahlbewegung zu geben und ihnen die Gründe darzulegen, welche für die vermeiidung des Wahlkampfes maßgebend waren. Der Hauptredner des Abends war der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Indenturn in Deutschland, Herr Iustizrat Breslauer. Sein Thema lautete: „Die Stellungnahnre der Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu den verschiedenen religiösen Richtungen." Er führte etwa folgendes aus: Die in öffentlichen Versammlungen von gewisser Seite so häuftg angegriffene Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Berlin ist unter den Verwaltungen gleicher Art wohl als die beste zu bezeichnen und kann als musterhaft angeseherr werden, während in der Repräsentanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde die verschiedenen religiösen Anschauungen und Richtungen sich geltend machen, gibt es im Vorstande der jüdischen Gemeinde keine Verschiedenheit nach dieser Richtung hin. Der Vorstand führt die Beschlüsse, die in der Repräsentanten-Versammlung gefaßt sind, aus, keiner Richtung zu Liebe und keiner zu Leide. Dies zeigt sich bei allen Maßnahmen auf dem Gebiete des Gottesdienstes, des Schulwesens usw. Allen Richtungen wird, soweit dies überhaupt möglich ist, Rechnung getragen. Aus den von dem Redner angeführten Beispielen heben wir hervor, daß es in der Berliner jüdischen Gemeinde unter den 22 Religionsschulen einige gibt, in denen der konservativen, andere, in denen der liberalen Richtung Rechnung getragen wird. Auch für die Partei der sogenannten Gesetzestreuen ist in dieser Beziehung gesorgt, was den Gottesdienst betrifft, so gibt es Synagogen mit liberalem Ritus und mit konservativem Ritus, außerdem eine Anzahl von Synagogen der subventionierten Vereine, die zum Teil streng orthodoxer, zum Teil liberaler Richtung sind, auch zum Teil beide Richtungen in sich vereinen. Bei der Anstellung von Beamten sieht die Gemeinde-Verwaltung nicht darauf, oft einer Liberaler oder Konservativer, ja nicht einmal, ob er Zionist sei, sondern da sind allein die Persönlichkeit und die Fähigkeit ausschlaggebend. Agitatoren, die Unruhe in die Beamtenschaft zu tragen versuchten, würde sie allerdings in ihrem Dienste nicht dulden. Redner ging dann kurz auf die diesmalige Wahl und die Verständigung der Parteien übex die Kandidaten ein. Die Liberalen waren entschlossen, die Konservativen in der