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Liberales Judentum · 1913-12-01 · Heft 12 (Dezember 1913) · p. Seite 282

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 12 (Dezember 1913)
Date
1913-12-01
Page
Seite 282 (sequence 18)
Language
German
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282 Ar. Goldfchmidt: Zur Wahrheit über dir Richtlinien und xurn Frieden \lk Jahren seit der Aufstellung und Veröffentlichung der Richtlinien alles beim alten geblieben und es wird auch alles beim alten bleiben. Denn die Richtlinien sind nichts Neues, sie sind durch und durch konservativ, sie sind nur das „Wort" für den „Geist", der im deutschen Judentum seit JOO Jahren sich der überwältigenden Majorität bemächtigt hat. Wären die Richtlinien ein funkelnagelneues Bekenntnis gewesen, der Dr. Wohlgemuth'sche „Sturm" wäre vielleicht herangebraust und hätte sie „hinweggefegt". Aber das „Stürmchen" von 5—1(0 000 Separatisten kann keine hundertjährigen Tatsachen mit 500 000 Vertretern „hinwegfegen". Mit uns 65 Richtlinien-Unterschreibern wäre leicht aufzuräumen. Aber was sind wir, „daß Ihr gegen uns murrt"? Wir sind nur der Mund für die ca. 500 000 deutsche Juden, die dem Liberalismus angehören. Diese müßt Ihr bekämpfen, wenn es Luch um Wahrheit und nicht um Herrschaft zu tun ist. Dir „furchtbare Gefahr der Richtlinien für dir Reinheit der jüdischen Familie". Herr Dr. Wohlgemuth und die Unterzeichner der orthodoxen Erklärungen gegen die Richtlinien spielen mit dieser Anschuldigung die Rolle des . . . Apostel Paulus, der das Gesetz für die Sünde verantwortlich macht. Wenn diese „furchtbare Gefahr" besteht, so besteht sie schon so lange, als diq Wiederverheiratung einer religiös nicht geschiedenen Frau durch Einführung der Ziviltrauung möglich ist. Die Herrn Separatisten scheinen keine Ahnung davon zu haben, wie groß die Zahl der Frauen ist, die nach gerichtlicher Scheidung, ohne religiösen Scheidebrief, sich standesamtlich wieder verheiratet und auf die religiöse Trauung verzichtet haben. Sie scheinen aber noch weniger Ahnung davon zu haben, daß man in den Gemeinden gar keine Notiz davon nimmt, welchen religionsgesetzlichen Charakter diese Ehen haben. In solchen Ehen herrscht oft ein religiöses Leben, rituelle Haushaltung, die- Söhne werden Bar mizwa und wenn diese sich später verheiraten, denkt kein Mensch daran, zu fragen, welcher Ehe sie entsprossen sind. Da sitzen die Herren Grthodoxen und sehen diesen Tatsachen mit verschränkten Armen zu. Wahrscheinlich wissen sie nichts davon, denn wenn eine nur gerichtlich und nicht religiös geschiedene Frau sich wiederverheiraten will, dann verweigert der liberale Rabbiner die religiöse Trauung. Zu dem Orthodoxen geht sie erst gar nicht, und da geht es den Grthodoxen, wie dem Vogel Strauß: was er nicht sieht, das existiert nicht. Aber schimpfen und verketzern können die Herren Grthodoxen. Das ist auch leichter, als auf Abhilfe sinnen. Unsere talmudischen Weisen waren da aus ganz anderem Holze geschnitzt, die haben noch ein Herz gehabt für thekanoth agunoth, für die Sorge um die zur Vereinsamung gezwungenen Frau. Sie haben sogar zur rückwirkenden Aufhebung, zur Ungültigkeitserklärung der ersten Ehe — apbkeinun rabbanon lekidduschin mine gegriffen, um eine zweite Ehe zu ermöglichen. Unsere Grthodoxen aber sagen: fiat justitia pereat mundus, der Schulchan aruch ist die Hauptsache, wenn auch die Welt zu gründe geht! Auf 500 000 deutsche Juden kommt es nicht an, wenn nur die Majestät des Josef Taro unangetastet bleibt! Mögen auch noch so viele Herzen brechen, sie brechen zur Ehre des heiligen Schulchan aruch! Wenn die talmudischen Geonim (Roriphäen) Rußlands diese Zustände kennen würden, sio würden schon gerne mit uns Mitarbeiten^ um auf Grundlage des jüdischen Religion--

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