Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 283 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Goldschmidt: Zur Wahrheit über die Richtlinien nnd;nm Frieden 283-. gesetzes dieser Not der Gegenwart abzuhelfen. — Aber was tun die Herrn Orthodoxen? 5te diskreditieren die liberalen Rabbiner bei den großen Talmudisten Rußlands, Ungarns, Palästinas, und da sind die liberalen Rabbiner Deutschlands eben auf sich selbst angewiesen. Es ist die bodenloseste Beschuldigung, wenn gesagt wird, die Richtlinien seien eine Gefahr für die Reinheit der jüdischen Familie, während umgekehrt die Richtlinien aussxrechen, es sollen Mittel und Wege gefunden werden, um der Frau, der der geschiedene Mann den Scheidebrief verweigert, die religionsgesetzliche Wiederverheiratung zu ermöglichen. Das ist der Sinn des verleumdeten § IXc: „Die rituelle Ehescheidung soll auf dem Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau beruhen und nach erfolgter bürgerlicher Scheidung oder Nichtigkeitserklärung der Ehe gegen böswillige Hemmnisse gesichert sein, die von dem einen oder anderen Ehegatten bereitet werden können." wenn diese Herren nicht ganz vom Geiste der Brüderlichkeit verlassen wären, müßten sie sich sagen, daß das nicht bedeuten kann, die bürgerliche Scheidung ist zugleich die jüdischreligionsgesetzliche. Aber diese Herren gehen die allerkrummsten Wege, wenn sie rmr den Liberalen einen Fußtritt versetzen können. Sie wollen uns ja verdammen! Aber: assiäin litten 682 haddin, Ihr werdet einst Rechenschaft darüber ablegen müssen! Zum Frieden. Der Sturm reinigt die Luft; der Kampf führt zum Frieden. Ich will den Frieden, darum habe ich den Kampf aufgenommen. Der gute Kampf hat nicht den Zweck, den Gegner zu vernichten, sondern dem Gegner Achtung einzuflößen, was unfern orthodoxen Brüdern fehlt, das ist die Achtung vor ihren vermeintlichen Gegnern, den Liberalen. wir wollen keinen Vernichtungskampf führen, wir wollen Brüder sein. Auch Brüder kämpfen, wenn Mißverständnisse sie zu entzweien drohen. Sie kämpfen dann, um die Mißverständnisse zu beseitigen. Sie bekämpfen die Mißverständnisse, nicht den Bruder. Die Mißverständnisse der Orthodoxie über unsere Richtlinien habe ich in meiner Polemik gegen Herrn Oberlehrer Dr. Earlebach und noch mehr in der gegen Herrn Dr. wohlgemuth bekämpft, nicht die Orthodoxie. Wir Liberale erkennen die Existenzberechtigung der orthodoxen Richtung innerhalb des Judentums für die Bekenner der Orthodoxie an, wir verlangen von der Orthodoxie aber, daß sie für die Bekenner des liberalen Judentums auch die Existenzberechtigung des liberalen Judentums anerkenne. Dies Verhältnis der Koordination muß im Leben anerkannt werden. Damit vergibt sich kein Standpunkt irgend etwas, das entspricht nur der Forderung: was du. willst, daß man dir tue, das tu auch den andern! Wir liberale Juden sind der festen Reberzeugung, daß das Judentum, noch mehr wie jede andere Religion, für seine geistige Gesundheit die Orthodoxie ebenso wie den Liberalismus haben muß. Das Judentum betont in jedem Segensspruche diese zwei Seiten: elohenu welohe awoszenu, „unser Gott und Gott u n s e » rer Väter". Vergangenheit und Gegenwart müssen sich die Hand reichen in der Religion: das Judentum ist eine Religion der ewig still stehenden Vergangenheit, aber auch eino Religion der ewig wechselnden, ewig sich verändernden Gegenwart. wie in jedem Organismus ein System: von Stabilitäten und Mobilitäten gegeben ist.