Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 277 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Gsldschmidt: Zur Wahrheit über dir Nichtlinien und zum Frieden 27 T Judentum" und dem „liberalen Christentum". Nun kommt Herr Dr. wohlgemuth und nimmt Partei für das „liberale Christentum" contra „liberales Judentum": wer steht also hier dem „liberalen Christentum" näher, die „Richtlinienrabbiner" oder Herr Dr. Wohlgemuth? Hat Herr Dr. wohlgemuth dabei wohl mit Ernst an die Mahnung unserer talmudischen Weisen: cüaciiamini KiLobaru bediwrecliem, „Lehrer, seid vorsichtig mit euren Morten!" gedacht? Kann er wissen, ob seine Bestätigung der Parole des liberalen Christentums nicht wer weiß, wie viele, zur Taufe veranlaßt hat? Unsere orthodoxen Brüder, welche in dem liberalen Juden noch immer den Juden lieben und beim Judentum zu erhalten suchen, sollten doch der blinden Kampfeswut ihrer separatistischen Wortführer in dfe Zügel fallen und die Verführung zu Massentaufen zeigen, die in der leichtsinnigen Parole liegt: „Liberales Judentum ist liberales Christentum!" Herr Dr wohlgemuth hat sich mit Sanktionierung dieser Parole ganz direkt auf die Seite des liberalen Christentums gestellt. — Hören wir die zweite Beschuldigung des Herrn Dr. wohlgemuth: „Das liberale Judentum kann, was das religiöse Leben anbetrifft, nicht als eine religiöse Gemeinschaft betrachtet werden, die nach Prinzipien ihr Leben regelt". Herr Dr. Wohlgemuth verwechselt hier die Gin za hl mit der Mehrzahl, was er vermißt, ist „ein Prinzip, nach dem die theoretische Grundlegung hätte in Angriff genommen werden können" (5. \2). Aus dem einen „Prinzip" macht er „Prinzipien" Überhaupt. Keine Prinzipien haben, ist aber nicht dasselbe, wie für eine bestimmte Tätigkeit kein Prinzip haben. Nun hat aber Dr. Seligmann das verlangte „Prinzip", nämlich: „Das Beispiel der Talmudlehrer" (S. ^3) angeführt. Das bringt aber Herrn Dr. wohlgemuth in Harnisch: „ihr ganzes Streben war, einen Zaun ums Gesetz zu machen" (S. ^5), nicht Gesetze aufzuheben; das anzunehmen, sei „christliche Pietätlosigkeit", das wisse jeder „Schuljunge" — „christlich" und „Schuljunge" sind beliebte Schlagwörter der separatistischen Fechtmeister. Gr läßt also nur das Prinzip nicht gelten,, aber es fehlt nicht an einem Prinzip. Aber „Herr Dr. Seligmann glaubt selbst? nicht daran," sagt Dr. wohlgemuth. „Vorsichtig fügt er hinzu, daß die weisen wohl nicht mit klar bewußter Absicht die biblische Lehre umgestalteten" (S. ^5). Herrn Dr. wohlgemuth ist wieder eine kleine „V e r - wechslung" passiert, er hat wirklich Unglück im Zitieren. Herr Dr. Seligmann sagt in seinem Referat S. 27: „So wie die mündliche Lehre in alter Zeit — wohl nicht mit klar bewußter A b si ch t, aber im Effekt — die biblische Lehre nicht erstarren ließ." Aus „die biblische Lehre nicht erstarren ließ" macht Herr Dr. wohlgemuth: „Die biblische Lehre umgestalteten". Line direkte „Umgestaltung" ohne „klar bewußte Absicht" ist ein Blödsinn, dagegen kann man wohl ohne direkte Absicht „die biblische Lehre nicht erstarren lassen". Also wieder eine verhängnisvolle B e g r i f f s v e r w e ch s l u n g! Nun kommt aber noch eine Einschränkung: nicht ein Prinzip überhaupt fehlt, sondern „das Prinzip müßte doch in der heiligen Schrift, in der jüdischen Religion gegeben sein" (S. ^3). Also „prinzipi e n" hat das „liberale Judentum", nur kein „Prinzip, das in der heiligen Schrift gegeben ist", und das nennt Herr Dr. wohlgemuth generaliter „nicht eine Religionsgemeinschaft, die nach Prinzipien ihr Leben regelt"! Man glaube nicht, daß Herr Dr. wohlgemuth kein Meister des Stils ist. Wie viel Finesse liegt in der Fassung: „Das liberale Judentum kann nicht als eine Religions-