Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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270 Eugen Fewrn: Are Nelrgion Israels im Fichte der Christologie und sich als deren Sinn und Ziel zu offenbaren, sie in sich aufzuheben und sie abzuschließen. Das alte Testament als vorchristliche Christologie betrachtet, ist also keine Geschichte, sondern vielmehr eine Metaphysik des Judentums. Die kritische Wissenschaft des liberalen proteftontismus unserer Zeit sucht hinter der Wolke von mythischen Nebeln den festen Kern einer geschichtlichen Persönlichkeit Jesus zu fassen. Wiewohl uns dieses begreifliche Bemühen ziemlich aussichtslos zu sein scheint, so sollte man doch von dieser wesentlich anders gerichteten Betrachtungsweise, die auf dem Grund und Boden wissenschaftlicher Erkenntnis steht, eine vollständige Wendung in der Wertung des Judentums erwarten dürfen. Wird Christus als geschichtliche Persönlichkeit zu einem Objekte der Geschichtswissenschaft, so ist er damit all' seiner Vollendung entkleidet, in seinem Leben und seiner Lehre unvollkommen und also ungeeignet, als Sinn und Ziel einer Geschichte, als deren Erfüllung, welche die ganze vorhergehende Entwicklung in sich befaßt und abschließt, fürderhin zu gelten. 'In demselben Augenblicke, da die wissenschaftliche Erkenntnis den Anspruch des christologischen Dogmas beseitigt, hat das Judentum — das vorchristliche und somit auch das nachchristliche — seine volle Selbständigkeit und feinen Eigenwert, der geschichtlichen Persönlichkeit Jesu gegenüber, zurückgewonnen. Aber noch heute herrscht gleichwohl der unwissenschaftliche Begriff der Vorstufe in allen wissenschaftlichen Darstellungen der israelitisch-jüdischen Religionsgeschichte, wie sie von den Gelehrten der liberalen protestantischen Theologie geschrieben zu werden pflegen. „Die israelittsch-jüdis che Religion ist deshalb") für die Kultur der Gegenwart von großer Wichtigkeit, weil sie 1S) Bon mir gesperrt. die vorftuf e10) der christlichen ist", so beginnt Julius w e l l h a u s e n seine Geschichte der israelitisch-jüdischen Religion.") Man beachte diese Begründung; eigene, selbständige werte, die nicht aus dem Christentum herauszuschälen wären, besitzt das Judentum, nicht, wegen derjenigen werte, die es an das Christentum abgegeben hat, ist es allein beachtenswert. Und in dasselbe Lsorn stößt' Lsermann Gunkel,") wenn er z. B. bei der Exegese des 5s. Psalmes bemerkt: „Der Psalm ist also für uns in hohem Grade wertvoll,, weil er uns dasjenige Judentum darstellt, das auf dem Wege zu den Erfahrungen und Anschauungen des paulus und Johannes begriffen ist." Der Begriff der Vorstufe ist ein gefährliches, das Judentum ebenso wie die Wissenschaftlichkeit jener Darstellungen trübendes Ueberlebsel der alten Christologie. Solange diese die einzelnen Tatsachen sowohl wie die großen Zusammenhänge entstellende und verzeichnende Geschichtsmythologio noch herrschend ist, solange wird dadurch die Wissenschaftlichkeit der BibelforsckMtg beständig in Frage gestellt bleiben. Ja, diese Vorstufenauffassung hat bei vielen Forschern, eine Form angenominen, die uns sehr lebhaft an die oben besprochene Mythologie und Metaphysik des Urchristentums erinnert. Bekanntlich hat I. K. w. Vatke, der im Jahre „in genialer weise, wie ein Prophet der neuesten Kritik . . . zum erstenmale eine wirkliche Geschichte"") der israelitischen Religion gegeben hat, dieselbe nach den Grundsätzen der Geschichtsphilosophie Lsegels abgehandelt, durch die der Lauf der Entwicklung schematisiert und in die Bahn einer metaphysischen Stetigkeit hinein- ") Von mir gesperrt. In „Kultur der Gegenwart" 1905. ***) Ausgewählte Psalmen, übersetzt und erklärt^ 3. Auflage. 19) Marti, Geschichte der israelitischen Religion-