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Liberales Judentum · 1913-12-01 · Heft 12 (Dezember 1913) · p. Seite 268

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 12 (Dezember 1913)
Date
1913-12-01
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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268 Eugen Lewin: Air Religion Israels im Lichte der Christologie hierbei. Vielmehr ist diese ganze, bereits im neuen Testament vertretene Auffassung dem Boden des Mythos entsprossen. Es ist darnach das Zudentum eine Verwandlung des Christus und es selbst verwandelt sich in ihn. Erfüllung ist also hier Verwandlung, und eben diese Vorstellung ist es, die den Zusammenhang mit dem Mythos ganz offensichtlich macht. Das Motiv der Verwandlung bildet ein wesentliches Moment der Vorstellungswelt des Mythos, wie aller primitiven Religion überhaupt?) Zn den Märchen und Mythen aller Völker ist dieses Motiv heimisch. Und gerade die mythische Gestalt des Christus muß, wie mir scheint, von Anbeginn an als der integrierende Bestandteil und die Hauptperson von mythologischen Metamorphosen gedacht gewesen sein. was anders als der wechselnde Zustand einer derartigen Verwandlung eines göttlichen Heroen ist das Erdenleben Christi nach der Christusmythologie des Apostel Paulus! Die berühmte, von. den früheren protestantischen Dogmatikern so lebhaft diskutierte und so vielfach gedeutete Stelle im Philixperbrief II, 6ff. wird sofort durchsichtig, wenn man sie als den Ausdruck eines Mythus, eines Märchens betrachtet, dessen Held Christus ist. Wenn wir daselbst die Worte: er entäußerte sich, nahm Knechtsgestalt an, trat in Menschengestalt auf und glich in seiner ganzen Haltung einem Menschen^) lesen, so müssen wir, behufs einer sinngemäßen Exegese, an die zahlreichen Mythen der Griechen denken, in denen Götter in Menschengestalt auf die Erde niederfahren oder an die Prinzen unseres deutschen Märchens, die, wie König Drosselbart, Rnechtsgestalt annehmen, oder gar in Tiere ver- 8) Zahlreiches Material, Gruppierung und Deutung desselben findet sich vor allem in Wundt's Völkerpsychologie, Religion und Mythos. Zur obigen Uebersetzung siehe „Handbuch zum Neuen Testament" 1911, Vd. III (Dibelius). wandelt auftreten. Mit solchen Vorstellungen ist jener wesentliche Bestandteil der sogen. Theologie des Paulus in parallele zu setzen; durch sie ist sie zu erklären und zu verstehen. Alle Christologie ist Mythologie. Für Paulus ist Christus ein mythologischer Gott, der kraft einer Verwandlung zur Menschenwelt herniedersteigt und, nachdem er seine Tat vollbracht, zu seiner göttlichen Höhe zurückkehrt. Die sogenannte praeexistenz Zesu — in der genannten Stelle des Philipperbriefes kommt sie in den Worten „Er, der in göttlicher Gestalt war" zum Ausdruck — ist also durchaus nur ein selbstverständlicher Bestandteil des ganzen Märchens, der erst dann zu einem besonderen Problem erhoben werden konnte, nachdem sich in der Geschichte des Christentums der Mythos von der Menschwerdung des Christus in den Glauben an seine geschichtliche Existenz umgebildet hatte. Eine richtige und namentlich für das vorliegende Thema bedeutungsvolle Variation dieses Verwandlungsmotivs finden wir in dem bereits genannten Barnabasbrief, dessen unbekannter Verfasser in dem Begriffe des „Typus" sogar einen besonderen Terminus dafür ausgezeichnet hat. Diese apokryphe Lehrschrift steuert, was ihre Beurteilung des Zudentums anbetrifft in dem Fahrwasser der xaulinischen Vorstellungen. Das Judentum ist die Religion des Gesetzes. Der Begriff des Gesetzes hat sich ganz wie bei Paulus zu einem eigenen, selbständigen Wesen von geisterhafter, dämonischer Art verdichtet und verkörpert. Za die Ablehnung und Bekämpfung des mosaischen Gesetzes hat sich hier bis zur Verachtung und bis zum Zudenhaß gesteigert. Aber das alte Testament ist ganz und gar die Prophezeiung und die Vorbereitung des Erscheinens Christi: „Die Propheten haben dank der von ihm selbst empfan-

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