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Liberales Judentum · 1913-12-01 · Heft 12 (Dezember 1913) · p. Seite 266

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 12 (Dezember 1913)
Date
1913-12-01
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 Eugen Fewin: Me Religion Israels iw Lichte der Christologie Schriftsteller zur Religion des alten Testamentes. Ts ist leicht einzusehen, daß eine solche Ausfassung des Verhältnisses durchaus ungeschichtlich ist und das Zeichen der dogmatischen Christologie an der Stirne trägt. Das Judentum ist hiernach nichts als eine Vorstufe, die durch das Erscheinen Jesu überschritten und also erledigt wurde; gleichsam eine Ouvertüre, in der die Hauptinhalte des Stückes 'selbst in Form von Motiven nur anklingen. So wird durch diese Auffassung das vorchristliche Judentum zu einer künstlichen Einheit mit dem Urchristentum zusammengeschweißt: es gibt nur einen einzigen, stetigen Heilsweg der göttlichen Vorsehung, dessen Anfang der erste Adam und dessen Ende Jesus, der zweite Adam, ist. von dem einen zum anderen verläuft die Offenbarung Gottes in einheitlicher Richtung. Das spätere Christentum des katholischen Mittelalters hat diese Anschauung vom Urchristentum übernommen. Das Judentum, das sich in das Christentum nicht ausgelöst hatte, sondern sich selbständig weiter entwickelte, mußte ihm daher als etwas Sinnloses erscheinen; als der unheimliche Schatten eines Abgestorbenen, der keine Ruhe finden kann, vielleicht ist das eines der gedanklichen Motive, aus dem die phantasiegestalt des ewigen Juden erwuchs. Die gelehrten Juden des Mittelalters haben sich energisch gegen jene dogmatisch-christologische Stellung des Christentums zum Judentum gewendet. So polemisiert z. B. Isaak Troki in seinem Buche Chisuk Emunah.4) „wie sollen wir glauben, Jesus sei der Messias gewesen, da ihr Christen dafür in den Worten der Propheten keinen einzigen stichhaltigen Beweis habt, indem die Verse, welche die Verfasser des Evangeliums aus den Propheten zum Beweise heranbringen, daß Jesus von Nazareth Messias gewesen, keineswegs auf ihn Hinweisen?" Und an einer anderen Stelle heißt es: „hierzu kommt, daß ihre (der Evangelisten) Worte sich an vielen Stellen nicht gleichlautend mit den Worten der Propheten erklären lassen und daß sie sogar die Bibelverse, die sie als Beweis für ihre Worte und ihren Glauben anführen, anders tzitieren, als dieselben in den Propheten Vorkommen und einen anderen Sinn hineinlegen, als der Zusammenhang an Ort und Stelle besagt."^) Der orthodoxe Protestantismus hat die besagte Anschauung vom Katholizismus übernommen. Die Geschichte der israelitischen Religion wurde als Theologie des alten Testamentes gelehrt. Für den orthodoxen Protestantismus war die Theologie des alten ebenso wie die des neuen Testamentes nichts anderes als die Verwirklichung eines dogmatischen Heilsxlanes. Diese Heilsgeschichte, von der systematischen Einheit des alten und neuen Testamentes als ihrer prinzipiellen Voraussetzung ausgehend, „war Grundlage und Norm der Dogmatik, der alttestamentliche Teil derselben Vorstufe der vollendeten Offenbarung in Christus."«) Dem christologisch-dogmatischen Charakter dieser theologischen Disziplin entsprach es, daß sie auch nicht in der Form geschichtlicher Erzählung, sondern in derjenigen eines systematischen Lehrgebäudes auftrat. Man fragte: „Was haben die Schriftsteller des alten Testamentes über Gott, feine Vollkommenheit und feine Werke, über den Menschen und seinen Beruf, über Sünde und Erlösung gedacht?"^) Noch im Jahre \829 ließ der Führer der Lutheraner, Hengstenberg, eine solche alttestamentliche Theologie unter dem höchst bezeichnenden Titel: „Christologie des alten Testamentes" erscheinen. In der Tat, „das Christentum im alten Testament", das ist 5) Zitiert nach der Uebersetzung von D. Deutsch, Sorau 1873. 6) Marti, Geschichte der israelitischen Religion 1907, 5. Aufl. 7) Marti. 4) Befestigung im Glauben.

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