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Liberales Judentum · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. Seite 262

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Date
1913-11-01
Page
Seite 262 (sequence 22)
Language
German
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262 Aus der Jugendbewegung Völker spielt. Daß die Beschäftigung mit diesbezüglicher Literatur die einzige Möglichkeit ist, sich über derartige Fragen zu orientieren, steht wohl äußer Zweifel. Die Mitglieder jüdischer Zugendvereine, besonders die weibliche Zugend, kommen ja nur in einem geringen Maße mit dem Wirtschaftsleben °m Berührung, während der größere Teil aller Mitglieder den Fragen der Allgemeinheit und des Allgemeinwohls ziemlich fremd gegenüber steht. Mir entschlossen uns daher, innerhalb unserer Mitgliedschaft einen literarischen Kursus zu gründen, den wir, um nicht aus dem Rahmen eines kleinen intimen Kreises herauszugehen, erst nur aus weiblichen Vereinsmitgliedern bildeten. Später schloß sich auch die männliche Zugend zu gleichen Zwecken zusammen. Der Erfolg des Kursus der weiblichen Zugend hing nach der von uns ge,nachten Erfahrung von der zwanglosen Leitung derselben ab. Durch diese erreichten wir trotz gewisser Disziplin, daß sich auch weniger redegewandte . Damen ganz ungeniert an der Diskussion beteiligten, was ihnen bei der offiziellen Leitung unserer Mitgliederversammlungen nicht möglich gewesen wäre. Auf diese Weise hatten diese zwanglosen Zusammenkünfte den Erfolg einer Rednerschule im kleinen Stil. Es würde ein großer Optimismus dazu gehören, wollte man behaupten, daß es das Znteresse an rein jüdischen Fragen war, welches die jungen Damen zu einem regen Besuch dieses Zirkels veranlaßte. Ls war wohl inehr die Freude an der Möglichkeit ganz zwangloser Beteiligung an anregenden Diskussionen und die Freude cm der Beschäftigung mit Literatur überhaupt. Dadurch aber, daß nur Bücher und Schriften besprochen wurden, die die wichtigsten Fragen des Zudentums von den verschiedensten -Gesichtspunkten aus beleuchteten, war es eine j selbstverständliche Konsequenz, daß inan die Zugend in weitgehendster Weise für diese Probleme interessierte. Ls ist sicherlich nicht ganz gefahrlos, inehr oder weniger persönliche Ansichten der verschiedenen Gelehrten über Zudenfragen im Kreise noch nicht ganz gefestigter, jugendlicher Menschen zur Sprache zu bringen. Besonders schwierig ist diese Aufgabe innerhalb eines Kreises, der sich teils aus noch religiös indifferenten Mitglieder,! zusannnensetzt, teils aus solchen, die sich ans eurer radikalen Opposition gegen das orthodoxe Zudentum zu einer vielleicht zu weit gehenden Freiheit in Bezug auf jüdisch-religiöse Frage,: bekennen. Aber wo könnte nran „rehr als auf Grund einer jüdisch-liberalen Weltanschauung mit Sicherheit erwarten, daß die persönliche Freiheit eines individuellen Geistes bald mit größter Selbstverständlichkeit zu der Stellung gelangt, die den widersprechendsten Anschauungen gegenüber die für den liberalen Zuden einzig mögliche ist? — wir haben, auf dieses Zutrauen gestützt, bis zu Sombart's „Zudentaufen" Vorgehen können, ohne den geringsten Mißerfolg zu verzeichnen. Es wäre gewiß interessant, nach diesen nicht oberflächlichen Erfahrungen in unserenr Verein uns die Frage zur Beantwortung vorzulegen, ob eine Spezialtätigkeit in diesem Sinne dazu geeignet war, das religiöse Empfinden der weiblichen Zugend zu vertiefen. Begnügen wir uns jedoch vorläufig mit der Feststellung, daß es von größter Wichtigkeit sei, gerade bei der weiblichen Zugend das Znteresse an jüdisch-wissenschaftlichen und religiösen Fragen zu wecken und zu pflegen, denn wie die jüdische Frau seit alters her die Stütze der Religion und der Moral i„r Hause repräsentierte, so soll auch die moderne. Frau innerhalb und außerhalb ihres häuslichen Kreises die Trägerin religiöser Zdeen bleiben. W. L.

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