Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 263 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau — Mürchurg 263 Rundfdiau. Wür;durg, l9- Novbr. BP- Unsere Ortsgruppe des liberalen Judentums wurde anfangs dieses Jahres gegründet. <£s war nicht die Sucht nach etwas Neuem, was uns hierzu veranlaßte, sondern wir wurden durch die hiesige Orthodoxie in den Kampf gezwungen und zwar durch eine Protest-Versammlung-derselben gegen die Beschlüsse der Kultusverwaltung in der Richtlinienfrage. Ueber die Gründungsversammlung und die damit verbundenen Vorträge der Herren Direktor G 0 m b r i ch und Rabbiner Dr. Freudenthal, Nürnberg, ist bereits in einem früheren Bericht Erwähnung getan. Heute wollen wir darüber berichten, was wir seitdem geleistet haben. Es ist noch nicht viel, galten doch die ersten Monate unserer Arbeit der Organisation unserer Ortsgruppe und der Werbung neuer Mitglieder, vor allem müssen wir hierbei der tatkräftigen Unterstützung unserer benachbarten Ortsgruppen .in Nürnberg und Frankfurt gedenken und des trefflichen Vortrags, den Ende April Herr Rechtsanwalt Dr. Erlanger, Nürnberg über „Das liberale Zudentum und seine Zukunft in Bayern" bei uns gehalten hat. Mit Beginn dieser Wintersaison arbeiteten wir am Ausbau unserer Organisation weiter und nachdem wir für Würzburg, die sogenannte Hochburg der Orthodoxie, mit einem sehr schönen Mitgliederstand rechnen können,, haben wir in unseren Ausschußsitzungen nunmehr die praktische Arbeit ins Auge gefaßt. Wir verlangten in einer Eingabe an die Kultusverwaltung, daß der Gottesdienst an den Hauptfesttagen in der Schrannenhalle durch predigten und einen Seelengottesdienst am Jom Kippur würdiger gestaltet und so auch den Elementen in unserer Gemeinde, die auf liberalem Standpunkte stehen, Rechnung getragen werde. Eine weitere Eingabe befaßte sich mit dem Religionsunterricht an den hiesigen Mittelschulen; unser Wunsch geht dahin, daß dieser in die Hand eines akademisch gebildeten Mannes gelegt wird, denn wir sind der Meinung, daß ein ersprießlicher jüdischer Religionsunterricht, der nicht auf Gedächtnisarbeit beschränkt ist, sondern auf Gemüt und Charakter unserer Jugend tiefgehende und bleibende Eindrücke ausüben soll, nur von einer Persönlichkeit erteilt werden kann, die umfassende Kenntnisse der jüdischen Geschichte und Verständnis für das wesen des Judentums und seine Lehre besitzt und durch entsprechende Vermittlung dieser Kenntnisse bei den Schülern Liebe zum Judentum zu erwecken weiß. Daß wir mit diesen ersten praktischen Arbeiten, die wir in die Wege leiteten, das Richtige getroffen haben, belehrte uns der gestrige herrliche Vortrag des Herrn Rabbiners Dr. C. Seligmann über „Die Werbekraft des liberalen Gedankens für das Judentum.". Der Vortragende behandelte am Anfänge seiner hervorragenden Rede die geschichtlichen Grundlagen des werbenden Gedankens im Judentum, um im zweiten Teil auf die Frankfurter Verhältnisse überzugehen. Er schilderte uns hier ausführlich, wie durch den Zugendgottesdienst und den Religionsunterricht die Zugend für das Zudentum gewonnen wird und wie durch einen würdigen, dem modernen Empfinden der Andächtigen Rechnung tragenden Gottesdienst Männer und Frauen, die jahrzehntelang abseits standen und dem Zndifferentismus verfallen waren, wieder für das -Zudentum gewonnen wurden. Mit größtem Znteresse lauschten die überaus zahlreich Erschienenen den hinreißenden Ausführungen des Redners, und durch tosenden Beifall beendeten die versammelten, daß ihnen Herr Dr. Seligmann aus dem Kerzen gesprochen hat und daß er durch seine zündende Rede der liberalen Bewegung neue An-