Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 260 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Ar. Goldschrnidt: Zur Wahrheit über dir Richtlinien und xum Frieden denheit: „Würde ich in einer mathematischphysikalischen Arbeit" — „mathematisch-physikalisch": unser Schamesch in theologicis ist also Oberlehrer der Mathematik und Physik — „einen solchen Bock" mir leisten, ... ich hätte meinen Kredit in der wissenschaftlichen Welt verloren. Herr Dr. Seligmann ist in einer glücklicheren Lage; „seine Anhänger verstehen nichts von talmudischen Dingen". Bis jetzt sind die „Böcke", wie die geehrten Leser sehen, alle auf Seiten des „Schames". hoffentlich „leistet" er in seinem mathematisch-physikalischen Fache als „Oberlehrer" sich nicht solche „Böcke", wie erste in theologicis sich geleistet hat und als „Schames" sich zu leisten berechtigt ist. Besonderen Respekt aber vor der Spürnase unseres „Schames"! Dr. Seligmann hatte gesagt: „Das sind die Schriftgelehrtcn". Dazu bemerkt unser Herr Oberlehrer: „NB. „Schriftgelehrten" — macht sich wiederum besser, da das neue Testament gegen hharisäer und Schriftgelehrte Stimmung gemacht wird." Herr Oberlehrer Dr. Larlebach ist also auch im neuen Testament bewandert. 3«, ihr Richtlinie,r-Unterschreib er, da müßt ihr euch doppelt in acht nehmen! Der spürt Lure geheimsten Ideenassoziationen heraus. Dr. Seligmann spricht von „Schriftgelehrten", der „Schames" ergänzt das sofort im Geiste des neuen Testaments durch „Pharisäer". wie „fein" so ein „Schames" sein kann! Man sieht: „wo ihrs packt, da ist es interessant" — das Llaborat des Herrn Oberlehrer Dr. Larlebach. Gibt es etwas Interessanteres, als wenn jemand, der weder durch wissen, noch durch Urteil, noch durch Amt — von der Rückständigkeit im deutschen Stil und im guten Geschmack ganz zu schweigen — und wie ich höre, auch nicht durch 'Alter, berufen ist, in eine öffentliche Diskussion einzugreifen, sich als Autorität aufspielt und sich herausnimmt, 64 Männer, welche die Angelegenheit, um die es sich handelt, beruflich vertreten und das vertrauen von ca. 90°/° der Kreise genießen, welche die Angelegenheit angeht, wie dumme Jungen zu behandeln? Ls ist das sehr, sehr pikant, wenn es auch furchtbar traurig ist. Lin schrecklich trauriges Symptom für die Krankheit des Judentums der Gegenwart. Ls ist doppelt traurig, weil ein Träger des Namens Larlebach uns dieses Schauspiel gibt. Ls ist mir unbegreiflich, daß Herr Oberlehrer Larlebach nicht von dem L r n st des Lebens zu ,nächtig erfaßt ist, um sich in solcher „ulkigen" Rolle zu gefallen. Ich habe nicht die Lhre, den Herrn Oberlehrer Dr. Larlebach persönlich zu kennen, aber ich weiß, daß er schon Gelegenheit hatte, den Lrnst des Lebens in seiner furchtbarsten Tragik zu erfahren, um so furchtbarer, als von einer Schuld auf seiner Seite dabei nicht die Rede sein konnte. Daß er in dieser Zermalmung nicht zur äußersten Milde in der Beurteilung des Nebenmenschen für sein ganzes Leben geläutert worden ist, daß er mit dieser tragischen Lrfahrung im Herzen noch imstande ist, solche Artikel zu schreiben, in denen er mit der Lhre von 6^ Rabbinern, zu denen auch 'ich gehöre, zum Gaudium eines gewissen Niveaus von Zeitungslesern ein ergötzliches .'Spiel aufführt — das ist mir unfaßbar! Das ist nur begreiflich, wenn man in Betracht zieht, daß in den separatistischen Kreisen der Orthodoxie eine Gesinnung gegen die Vertreter des Liberalismus j)latz gegriffen hat, der alles Menschliche fremd ist. Der Gedanke: Der liberale Jude ist doch, genau genommen, auch ein Mensch, scheint einem Vertreter unserer separatistischen Orthodoxie gar nicht zu kommen. Unsere Separatisten verstehen es, daß man auch 'den Fremden lieben und nicht kränken soll; der Nichtjude ist geschützt auch gegen den Fanatismus unserer Sepa-