Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Mr. Goldschmidt: Zur Wahrheit über dir Richtlinien und zum Frieden Novum sei", daß „Mendelssohns Jerusalem und Bartwig Wesselv's Sendschreiben die Vorboten, die ersten Anläufe im Sinne der Richtlinien gewesen" seien. Rein Wunder, wenn der Berr Oberlehrer ganz ratlos ausruft: „Ich erkläre, für die Wertung dieses historischen Urteils fehlen mir die Worte." Das ist doch schrecklich, wenn dem Herrn Oberlehrer „die Worte fehlen/' Ls ist aber nicht so schlimm wie es aussieht. Lr straft sich selbst Lügen; denn für mehr als zwei Spalten hat er noch „Worte" darüber, bis er mit dem schönen Refrain schließt: „Woher sein Recht auf solche Oberflächlichkeit?" — Die Anklage der Oberflächlichkeit fällt hier um so schwerer ins Gewicht, als der Herr Oberlehrer seine Renntnis der Tatsachen wieder, wie oben bei Rabbenu Gerschom, dem gewöhnlichen Nachschlage-Werke: Grätz' Geschichte, verdankt, und man doch wohl von dem Rabbiner der Frankfurter Gemeinde verlangen darf, daß er Grätz kenne. Offen gestanden, macht mir der orthodoxe Oberlehrer als Lhrenretter Mendelssohns und Wesselns contra Liberalismus außerordentlich viel Vergnügen. Denn er desavouiert die Orthodoxie der Mendelssohnschen Zeit und setzt sich und seine Partei in schroffen Gegensatz zu den maßgebenden orthodoxen Rabbinern, welche bekanntlich sowohl Mendelssohn wie Wessels mit dem Bann belegten. Im Verhältnis zu den damaligen orthodoxen Bannstrahlen gegen Mendelssohn und Wesselv ist der Therem der heutigen orthodoxen Rabbiner gegen die Unterzeichner der Richtlinien ein unschuldiges Rinderspiel. Ist aber angesichts der Tatsache, daß Oberlehrer Dr. Tarlebach im „Israelit" für Mendelssohns und wesselv's Orthodoxie eine Lanze bricht, die Hoffnung zu kühn, daß in abermals J[30 Jahren Dr. Seligmann und Genossen von der Orthodoxie des 2\. Jahrhunderts mit dem Lorbeer bekränzt werden? Zur Zeit Mendelssohns und Wesselns wäre der Oberlehrer Dr. Tarlebach von den Vertretern der alten Frömmigkeit wohl noch schlimmer behandelt worden, als fetzt die Unterzeichner der Richtlinien von Dr. Tarlebach, Dr. Wohlgemnth usw. Ls scheint also doch so etwas, wie eine „Entwicklung" zu geben. Man muß diese Parteinahme für Mendelssohn und Wessels dem Herrn Oberlehrer Dr. Tarlebach uni so höher anrechnen, als Dr. Seligmann ihm gar k e i n e Veranlassung dazu gegeben hat. Dr. Seligmann hat nämlich wohlweislich nicht gesagt, Mendelssohn und Wesselv hätten selbst „Richtlinien" aufstellen müssen. Dr. Seligmann sagt vielmehr ausdrücklich: „hätte man Prinzipien des liberalen Judentums aussprechen, hätte man Richtlinien aufstellen müssen. Ls ist wirklich ein großes populistisches Runftstück von Dr. Tarlebach, dieses „man" auf Mendelssohn und Wessels zu beziehen. An Mendelssohns deutsche Bibelübersetzung und an sein „Jerusalem", in welchem mit solchem Nachdruck die religiöse Intoleranz verurteilt und „Gewissensfreiheit" gefordert wird, und an wessely'S Sendschreiben hatte die radikale Bewegung der Aufklärung eingesetzt. Gegen diese aus dem Judentum herausführende und das Judentum auflösende „Aufklärung" hätte „man", d. h. die religiösen Führer der Zeit, die Rabbinen, Richtlinien eines positiven Judentums aufstellen müssen, uni den Ausschreitungen einen Damm zu setzen. Damals hätte man mit ein klein wenig Nachgiebigkeit gegen die Forderungen des veränderten Lebens und Denkens viel erreichen können. Daß dieses die Meinung Dr. Seligmanns ist, geht aus einem kleinen Zusatz hervor, den Herr Dr. Tarlebach einfach unterdrückt hat. Dr. Seligntann sagt näm-