Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126569--1590-3128409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
250 Dr. Gsldumnn: Taufjudrntnm und Antisemitismus Zusätzen zu belasten verstand. Von welcher Gesinnung dieser Täufling war, beweise eine aus einem im Jahre \8\5 erschienenen spanischen Buche entnommene Stelle, in der er rühmend hervorhebt, daß „Spanien immer großen Eifer für die Bekehrung Israels an den Tag gelegt habe". Diese gemeine, unverblümte Drohung mit Scheiterhaufen und Schwert und die Sehnsucht nach diesen Mitteln hat selbst das Mißfallen ehrlicher Iudenmisfionare christlicher Abstammung erregt. In neuester Zeit hat zumal in den von den Iudenmissionen herausgegebenen Schriften der Ton stark gewechselt. Nicht mehr durch Drohungen und Beschimpfungen sucht man die Juden einzuschüchtern und zu ködern, und Merke wie das erschienene in - dernisse bei der Bekehrung der Juden", das GiacomoLombroso noch im Jahre seines Uebertritts zum Thristentum schrieb, gehören in ihrer Mut und Gehässigkeit zu den Seltenheiten. An ihre Stelle ist die „Liebe" getreten, die sich in süßlichen, schwülstigen und salbungsvollen Traktätchen an die Juden macht; für den einzelnen freilich wird diese Iudenmission zuweilen schädlich und gefährlich, während sie als Ganzes weder ihren Zielen, noch ihren Erfolgen nach irgendwie von Bedeutung ist. Der Staat von heute — besonders der preußische — besorgt das Geschäft der Iudenbekehrung mit viel wirksameren Mitteln, mit anreizenderen Belohlohnungen und viel weniger Anstrengung für die Juden. Zudem gibt es heute verschiedene Missionen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen und nicht immer auf dem besten Fuße mit einander stehen. Es entbehrt nicht eines gewissen pikanten Reizes, wenn z. B. der getaufte Jude Thevalier Drach, der sich 1823 von den römischkatholischen Heilswahrheiten überzeugen ließ, in seinem Buche „De I'Harmonie entre l'Eglise et la Synagogue" der Londoner Iudenbekehrungsgesellschaft vorwirft, daß ihre Agenten die jüdische „Ueberzeugung" durch Geld und versprechen von Stellen erkaufen! Sonst hat sich der Geist getaufter Missionsarbeiter stets in dem Nachweise der Richtigkeit der christlichen Dogmen erschöpft. Solcher Merke Zahl ist Legion, Namen wie der des soeben erwähnten Drach, wie Ferretus, Lichtenstein und Kemper sind auch im politischen Leben zu trauriger Berühmtheit gelangt. Keine kleine Nolle spielt dabei bis in die heutige Zeit hinein die Kabbala, wenn Paulus von j)rag in seinem \576 erschienenen Buche: „Gründliche und klare . Anweisung aus heimlichen und verborgenenwörternundBuchstabenheiliger Göttlicher Schrift rc." die Dreieinigkeit und andere christliche Dogmen aus Zahlenspielereien erweist, wenn der Arzt T o d r o s Tohen, als Christ L u d o - vicus Larretus in seinem l555 erschienenen „Liber visorum Divinorum" vorgibt, die Erklärung der christlichen Heilswahrheiten in Visionen empfangen zu haben, die ihn zu kabbalistischen Deutungen antrieben, wenn der römische jDroselyt Fabian Fioghi dal Monte Santo Savino in einem Dialogs fra il catechumeno ed il padre catechizante (Rom 1,582) sogar die Göttlichkeit der Jungfrau Maria aus dem Bibelverse Jesaja 9, 6*) herausliest, so mag das mit dem seltsamen Geschmacke der Zeit erklärt und entschuldigt werden. wenn man aber den Unsinn liest, den der Taufjude Dr. M. Mensor jn seinem Büchlein : „An Essay on the Doctrine of th e Trinity" im Jahre H86\ (!) zusammenträgt, um die Dreieinigkeit aus der Bibel, dem Talmud und den Religionsphilosophen *) Jn Wahrheit schreibt er es nur dem Johannes von Valladolid, gleichfalls einem Täufling, nach.