Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Ar. Goldwann: Taufjudentum und Antisemitismus poeüsche Einschlag in die antisemitische Bewegung — auch bei uns blühen ja an den wänden verschwiegener Dertlichkeiten die herrlichsten Blüten dieser Geistesrichtung — nicht unterschätzt werden darf! Zu den fruchtbarsten Verfertigern von Spottgedichten gehörten um jene Zeit in Spanien Don pero Ferrus und ein getaufter boshafter Mönch Diego de valenzia. Ersterer gehörte zu denen, die zwar zwangsweise getauft worden waren, denen aber diese Tatsache ein Glück bedeutete, das ihnen die Verantwortlichkeit für einer! oft erwogenen Schritt abnahm, und beiden scheint es entweder ein pikanter Reiz gewesen zu sein oder ein Mittel, ihr rechtgläubiges Thristentum zu betonen und Anzweiflungen gegenüber zu verteidigen, wenn sie antisemitische . Verse machten. Des peroFerrus Geist scheint sich allerdings kaum höher als bis zu der erwähnten lieblichen wandbesudelnden Poesie von heute aufgeschwungen zu haben, denn einer der Vorwürfe, über den er sich satirisch mit Behagen ergeht, ist, daß die Juden — lange Bärte haben! von anderen feindseligen Schriften jener Zeit seien hervorgehoben des Micer pedro Buch: „Lifrer Christi gegen Juden und M o h a m m e d a n e r", etwa V^O erschienen, das für jeden Renner und Freund der rohsten Dreschflegeltheorie geradezu eine Fundgrube ist. Er nennt darin die Juden einfach eine Pestilenz! Nicht viel milder war Juan de Espana, der in einem sehr gehässigen Kommentar zum Psalm 72 die Christenpflicht feststellt, den Juden durch Zwang und Gewalt zum Abschwören seiner Irrtümer zu veranlassen. Lin herrliches Bild: Der Täufling, der Folter, Rinderraub und Scheiterhaufen zur Propaganda der Religion der Liebe empfiehlt! Ltwa aus derselben Zeit, um die chronologische Reihenfolge innezuhalten, stammt eine Schrift, der inan außer bsaß und Verfolgungsabsicht noch plumpe Fälschungsversuche vorzuwerfen hat. Paulus de Hered i a, ein Täufling, der etwa ^05— lebte, schrieb in lateinischer Sprache den „Brief der Geheimnisse", und um seinem Machwerk die genügende Achtung zu sichern, gab er vor, eine alte, neu aufgefundene Schrift des Tanna'iten N e ch u n j a b e n Hakana, des Lehrers von Rabbi I s m a e I mTs Lateinische übersetzt zu haben. Das Büchlein ist in unserer für Anachronismus etwas empfindlichen Zeit trotz seiner Feindseligkeit ein geradezu kostbarer Schatz unfreiwilligen Humors. Der alte Mischnahlehrer, der im Beginne des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung salbungsvoll die auf späteren Ronzilien festgestellten christlichen Dogmen seinem Sohne an's Herz legt, ist geradezu hervorragend. Die Messianität Jesu, seine jungfräuliche Geburt, die Dreieinigkeit sind selbstverständliche Rleinigkeiten für Nechunja, der brav und^ bieder am Schluß des Merkes ein christkatholisches Glaubensbekenntnis ablegt. Die Unwissenheit des Verfassers verleitete ihn allerdings zu derart vielen Anachronismen — so macht Nechunja Angaben aus einem Buche des später lebenden I e - h u d a Hanasi —, daß sie selbst seiner kritiklosen Zeit auffielen und sein genialer Schwindel entdeckt wurde. Auch Deutschland weist judenfeindliche Schriften von proselyten in Massen auf. Die Erregung über den angeblichen Ritualmordfall zu Trient benutzte jener Peter- Schwarz in Regensburg im Jahre M8, indem er neben seinen Bekehrungspredigten, die anzuhören die Juden mit Gewalt gezwungen wurden, auch Schmähschriften mit heftigen Anklagen gegen die Juden verfaßte. Besonders blühte das Geschäft der bekehrungssüchtigen Taufjuden zur Zeit Pfefferkorns. Unter ihnen ragt ein wirklich gegehrter Mann hervor, Paul R i c i o, dem der Papst den Auftrag erteilt hatte, den Tal-