Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 A. Jacsk: Gin Mort an unsere Akademiker Verhältnis zum Ewigen haben, dürfte sich dann diese Geineinschaft wundern, wenn sie nicht bloß von ihren Feinden, sondern von allen tieferen Geistern als minderwertig bezeichnet wird? Anstatt jedes herbe Urteil unbesehen als Antisemitismus zu verschreien sollten wir uns lieber fragen, wie weit es gerechtfertigt ist. wie können wir Achtung von andern erwarten, wenn wir uns selbst, das Beste und wertvollste, was wir haben, d. h. unsere Religion, nicht achten und arade die Gebildeten unter uns am wenigsten? So lautet auch die Stimme des Volkes. Ls mag den studierten Juden für noch' so tüchtig in seinein Fache halten, eine tiefere Achtung hat es nur vor dem ganzen Juden. Sicherlich wird dieser Widerspruch zwischen den Pflichten des Namens und dem wirklichen Tun von den Meisten mehr oder weniger tief empfunden und sie suchen sich durch mancherlei Formeln und Ausflüchte darüber hinwegzuhelfen oder hinwegzutäuschen. Aber sie laufen sämtlich darauf hinaus, die Religion oder den Ulangel an Religion für eine privatsache oder irrelevant zu erklären und scheitern sämtlich daran, daß dann die jüdische Gemeins ch a f t ein Widerspruch ist und somit jede Tätigkeit für sie und in ihr des zureichenden Grundes entbehrt. Ohne die Religion bleibt eben nur die Rassengemeinschaft, die um ihrer selbst willen, ohne höhere Lebensberechtigung, zu erhalten, kein genügender Grund und Antrieb vorhanden ist. Freilich ist es für den Entfremdeten nicht leicht, den verlorenen religiösen Zusammenhang wiederzufinden, wie könnte man aber auch erwarten, daß das Teuerste um billigen Preis zu gewinnen sei! wozu man nicht erzogen ist, dazu muß man sich selbst erziehen und das erfordert mannhafte Lntschlüsse und andauernde Arbeit. Aber das ist gewiß, niemand wird das Judentum verstehen, der es nicht übt und darin lebt und dazu erst einmal den Anfang macht. Dieser Anfang ist der Besuch des Gotteshauses, der Eintritt in diesen jüdischen Verein. Alle Gründe, mit denen man sich dieser Pflicht entziehen will, sind für den, der wirklich Lrnst machen will, eitle Scheingründe. wie, für alles hat man Zeit, und für das Gotteshaus will man keine Zeit haben, nie eine freie Stunde? Und das sollen wir glauben? Und wenn der Gottesdienst nicht' „befriedigt", liegt es an dem Gottesdienst? Lr ist gestaltet für die, die ihn besuchen, rächt für die, die ihn nicht besuchen oder nur als flüchtige Gäste einmal gelegentlich e'inkehren. Wer kann erwarten, daß ihm ein Mensch sofort sein Herz öffnet, den er zum ersten Mal auf der Straße sieht? Der Besuch des Gotteshauses ist auch diejenige soziale Betätigung, durch die der Akademiker am wirksamsten moralische Eroberungen unter seinen Stammesgenossen macht. Denn das Gotteshaus ist (wie sein hebräischer Name sagt) das eigentliche 'jüdische Vereins- und versammlnngshaus und wer sich konsequent von ihm fernhält, erregt den Argwohn, daß er nicht nur von Gott und Religion, sondern auch von seinen Brüdern nichts wissen will und entwertet dadurch alles, was er sonst für sie tut. Der Besuch des Gotteshauses ist die demokratischste jüdische 'Handlung, er ist der wahre halbe Schekel, den jeder jüdische Mann, ob arm ob reich, zum Heiligtum steuern sollte, und aus dem die silbernen Untersätze gemacht werden, auf denen das Ganze ruhte. wenn unsere Gebildeten wirklich auf der Höhe stehen wollen, so müssen sie beweisen, daß die Religion nicht der Beruf eines Standes sondern das höchste Anliegen jedes Einzelnen ist; daß wenn sie ihnen in verkümmerter Gestalt erscheint, sie selbst daran schuld sind, weil sie ihr die eigenen Kräfte, oft die besten lund fruchtbarsten unserer Gemeinschaft, entziehen. Sie müssen begreifen, daß die Betätigung des Judentums sich nicht im Kampfe um äußere Güter und wären sie noch so wertvoll und unentbehrlich, erschöpft,