Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 236 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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236 Ur. Goldmann: Taufzudrntum nnd Antisemitismus Mazzoth genossen worden. Nachdem weitere elf Juden in den Prozeß verwickelt waren, wurde schließlich kurzerhand die ganze Gemeinde verhaftet. Die Angelegenheit lief noch glimpflich ab; die Juden hatten den sonst sehr schwachen Kaiser Friedrich III. auf ihrer Seite, und nach endlosen Verhandlungen, in denen dieser wider Erwarten fest blieb und "die kaiserliche Macht ausnahmsweise siegte, kamen die Juden frei. Sie waren „nur" drei Jahre in Lsaft gehalten worden und waren „nur" finanziell völlig ruiniert, aber man muß im Einblick auf die sonstigen Gewohnheiten jener Zeit noch zufrieden sein, wenn die Feindschaft des lügnerischen Renegaten nicht die ganze Gemeinde zu Tode gebracht hat. Aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts wird ein Fall aus Rom berichtet, da eine Dirne den Tod eines Knaben auf die Juden zu schieben versuchte. Keiner glaubte, an diese Beschuldigung, aber der Täufling Ananel di Foligno wußte den Papst Marcellus davon zu überzeugen, daß hier nur eine Freveltat, ein Blutmord der Juden vorliegen konnte. Er hatte ihn bereits veranlaßt, eine grausame Strafe über die Juden Roms zu verhängen, als der judenfreundliche Alexander Farnese sich in's Mittel legte; ihm gelang es, den wahren Mörder zu entdecken und so das Mißgeschick von der römischen Gemeinde abzuwenden. Zn Metz stand Ende des siebzehnten Jahrhunderts ein armer Hausierer namens Raphael Levi und die ganze jüdische Gemeinde unter der Anklage des Ritualmordes. Als nun während der Untersuchungshaft Levi sich einige gleichgiltige Aufzeichnungen in hebräischen Schriftzeichen gemacht hatte, übersetzte sie ein getaufter Jude, welcher Paul du Vallie hieß, gemeinschaftlich mit einem anderen Täufling zum Schaden der Beschuldigten im Sinne der Anklage. Da er auch 'sonst noch falsches Zeugnis gegen Levi ablegte, wurde dieser auf die Folter gespannt und im Jahre \670 unter gräßlichen Dualen getötet. Auch die Neuzeit weist ähnliches auf. Bezeichnend, ist folgendes: Während des Schreckens, der im Anschluß an einen angeblichen Ritualmord in Damaskus für die dortigen Juden und für die in aller Welt entstand, hatten französische Zeitungen getaufte Juden in hoher Stellung aufgefordert, auf Ehre und Gewissen zu erklären, ob sie jemals während ihrer Zugehörigkeit zum Judentum in irgend einer jüdischen Schrift irgend eine Spur von einem Blutritual entdeckt hätten. Obwohl nun einige — unter ihnen der Domprediger V e i t h zu Wien, einer dex. wenigen Juden, die vielleicht wirklich aus Ueberzeugung zum Lhristentum übergetreten sind — diese Erklärung abgaben, schwieg die Mehrzahl beharrlich. Manche, so der auch sonst als Antisemit bekannte Abbe Drach, wie auch Ratisbonne und Lieber mann wurden mehrmals direkt aufgefordert, aber sie blieben hartnäckig. Geradezu das Bestehen eines Blutrituals zu hehaupten, mochten sie im neunzehnten Jahrhundert nicht wagen, aber durch ihr Schweigen begünstigten sie den Anschein, als ob sie etwas wüßten, das sie im Interesse, der armen Juden verschweigen wollten. Diese Folgerung ziehen wenigstens bis auf den heutigen Tag die Judenfeinde aller Schattierungen aus dem bemerkenswerten Vorfall. Aus der Geschichte der Blutbeschuldigung in Rußland, die ein trauriges Sonderkapitel darstellt, sei folgendes angegeführt: Im Ritualmordprozeß von W e l i s h, der zwölf Jahre dauerte, trat ein Täufling namens Grudinski mit der Behauptung auf, aus jüdischen Büchern könne der Ritualmord nachgewiesen werden. Als der vernommene Sachverständige diese Behauptung nicht zu unterstützen vermochte, gab