Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 237 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126568--1576-3128394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. Goldmann: Taufjudrnturn und Antisemitismus 237 Grudinski an, er habe einst, - als er noch Jude gewesen, mit seiner Familie selber einen Ritualmord verübt! Natürlich stellte sich 'die völlige Unwahrheit dieser Aussage bei näherer Untersuchung heraus. Als später im Sahre \853 her Prozeß von Saratow stattfand, bei dem übrigens die angeklagten Juden verurteilt wurden, war der Hauptbelastungszeuge ein getaufter Jude, ein Schwager des beschuldigten Suschk e w i tz e r. Mb allerdings die geradezu kostbare Verwechslung, die während des Verfahrens allen Ernstes vorkam, daß man nämlich ein Bild aus einer Haggada — die Darstellung pharao's, der sich im Blute jüdischer Rinder badet — für eine Ritualmordszene hielt, auf diesen Täufling zurückging, ist nicht erwiesen. Der erwähnte Ritualmord„theoretiker" Paulus Meyer behauptete in einem an den Judenfeind Deckert gerichteten Briefe, er habe im Jahre J875 vor dem Osterfeste im Dorfe Gstrowo des russischen Gouvernements Lublin der rituellen Abschlachtung eines Lhristenkindes beigewohnt. Frech nannte er die Namen der Teilnehmer, beschrieb, wie das Blut in Flaschen gefüllt, anderen Gemeinden übersandt, sowie in einem silbernen Becher bis zum pesachfeste für die Mazzaus aufbewahrt worden sei. Dieser Brief wurde von den triumphierenden Antisemiten durch alle Zeitungen gezerrt, und er erregte allenthalben großes Aufsehen. Sm Mittelalter wäre eine Judenverfolgung gräßlichster Art die Folge gewesen, und hätte Meyer nicht die Unvorsichtigkeit begangen, seinen Fall mit historischen Details zu schmücken, die untersucht werden konnten, statt ihn so zu konstruieren, daß jede Nachprüfung sich als unmöglich erwies, so hätte er auch im aufgeklärten neunzehnten Jahrhundert sein Ziel erreicht, Hier aber waren die des Blutmordes Bezichtigten zum Teil noch am Leben, und sie wie die verwandten des bereits verstorbenen, besonders verdächtigen Rabbiners klagten einfach vor Gericht. Natürlich wurde Meyer als Lügner erkannt und zu Gefängnis verurteilt, was freilich nicht hinderte, daß die Antisemiten mit seinem geistigen Produkte noch lange gehetzt Haben. An dieses Raxitel sei ein Fall angereiht, da ein Täufling die Juden sogar 'der Brunnenvergiftung beschuldigt hat. Sm Jahre \3^7, dem Pestjahre, wälzten sich durch ganz Deutschland jene Sudenabschlachtungen, die in der Weltgeschichte ihres gleichen nicht mehr haben, da man die wahnwitzige Anklage erhob, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, um alle Lhristen zu töten. Deutschland wurde von Süden fast entvölkert, und zu vielen, vielen tausenden wurden sie nach Polen getrieben. Bei diesen Sudenmorden hat nun im Elsaß zu S ch l e t t st a d t auch ein getaufter Sude eine hervorragende Rolle gespielt, was in den Berichten über diese schwere Zeit besonders hervorgehoben wird. Sndem er aussagte, die Süden gingen damit um, alle Thristen mit Gift zu verderben, gab er das Signal zum erbarmungslosen Hinschlachten seiner ehemaligen Glaubensgenossen.