Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 234 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Ar. GoLdrnann: Taufjudrntum und Antisemitismus getauft wurde, ein grundschlechter Charakter, der auch späterhin der gerichtlichen Bestrafung nicht entging, schrieb gegen Professor Strack ein Buch: „Wölfe im Schafspelz", worin er sich zu erweisen erbot, daß der Gebrauch des Christenbluts eine heute noch geltende Vorschrift des jüdischen Ritus sei. Er kündigte über diesen Gegenstand ein gelehrtes Werk an — chesronoth h a - schass — das er natürlich nie geschrieben hat; er hat sich auch später, worauf wir noch kommen, praktisch als Ritualmordapostel betätigt. Der andere Mann der „Wissenschaft" war der uns bereits bekannte Dr. Justus, reete Aaron Brimann. Cr überraschte die Welt plötzlich mit einer Stelle aus einem kabbalistischen Werke, dem Sefer halikkutim, einem auf Isaak Luria zurückgehenden durchaus nicht sonderlich erfreulichen Erzeugnis der jüdischen Litteratur. Durch raffinierte Fälschungen einer Stelle, die der alte Delitzsch in seinem „Schachmatt den Blutlügnern" treffend aufdeckte, die aber nichts destoweniger von dem berüchtigten Judenfeinde Rohling als lautere, unumstößliche Wissenschaft in die Welt hinausxosaunt wurden, wußte er aus dem zwar unsinnig mystischen aber durchaus harmlosen Text folgendes heraus zu lesen: „Nichtjüdisches Iungfrauenblut zu vergießen ist ein ebenso heiliges Gxfer wie die besten Gewürze und ein Mittel, Gott mit sich zu versöhnen und Gnade auf sich herabzuziehen." von dieser Uebersetzung, die Brimann übrigens später selbst als eine „lächerliche Deutung" bezeichnet hat, machten Rohling und' seine Freunde einen so energischen Gebrauch, daß des getauften Juden Bemühungen auch im neunzehnten Jahrhundert blutige Judenverfolgungen hervorgerufen hätten, wären nicht wahrheitsliebende Christen, unter denen Franz Delitzsch und Strack die Ehrenplätze einnehmen, mit aller Kraft der verhetzenden Lüge entgegengetreten. Dr. Justus aber ist jedenfalls in die. Reihe der „wissenschaftlichen. Autoritäten" eingerückt, auf die man sich zur Rechtfertigung beruft, wenn inan unter der Anklage des Blutmordes auch heute noch in allen Ländern, da Juden wohnen, sie beraubt und totschlägt. Noch weit grausiger sind die nachstehend in chronologischer Reihenfolge aufgeführten Beispiele, in denen^ich Iudenstämmlinge aktiv bei Ritualmordhetzen als Iudenverfolger und «Mörder beteiligten. Um erzählte zu Dissen Hofen ein Täufling namens Aaron Iud das folgende: Die Juden müßten Lhriftenblut haben, um sich damit zu bestreichen, Leben und Gesundheit so zu erhalten und den bösen Geruch zu vertreiben, der ihnen nun eimnal von Natur anhafte. Auch zur Bereitung des Msterlamms sei Blut vonnöten. Nachher würde das übrig gebliebene und getrocknete Blut zu Pulver zerstoßen und auf den frühen Morgentau geschüttet. Das wirke dann auf eine halbe Meile im Umkreise, verpeste die Luft und bringe Menschen und Vieh zum Sterben. Der saubere j)atron ging noch weiter und denunzierte die Vorsteher seiner Gemeinde als Mörder zweier verschwundener Knaben. Die Folge war, daß die Juden in vielen Gegenden Deutschlands verhaftet und „peinlich" befragt, d. h. in grausamer weise gefoltert wurden. Zu allzu ausgedehnten Verfolgungen scheint es bei dieser Gelegenheit nicht gekommen zu sein. Mehr Erfolg hatte eine getaufte Jüdin — auch das weibliche Geschlecht ist in unserer Ehrengallerie vertreten — die im Jahre 1^53, als der fanatische Franziskanermönch Capistrano auf seiner Blutreise nach Breslau kam, und sich der ganze aufgestachelte Fanatismus der Bevölkerung gegen die Juden kehrte, neben anderen Beschuldigungen auch die des Ritualmords erhob. Sie