Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 233 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Goldmann: Tanfjndentum nnd Antisemitismus 233 nicht nur die Judenfeinde früherer Tage, die Tisenmenger und Konsorten stützen, sondern aus der auch unsere Antisemiten von heute die Berechtigung herleiten, durch dieses verlogene Mittel die Glut des Hasses zu schüren. Nnd nicht nur in der theoretischen Begründung der Blutlüge, auch in der Umsetzung dieser „Wissenschaft" m das praktische Lieben spielen Täuflinge eine bemerkenswerte traurige Rolle. Im „Jüdischen ab ge st reiften Schlangenbalg", das (6(*( zu Nürnberg erschienen war, behauptete Samuel Friedlich B r e n tz e n, daß die Juden Christenblut haben müßten, das sie gestohlenen und gemarterten Thristenkindern abzapften. Damit schrieben sie dann Amulette, die imstande seien, Frauen in Rindesnöten über ihre schwere Stunde hinwegzubringen, von dieser Stelle machte vor allem Tisenmenger tausgedehnten Gebrauch. Tin Nachfolger Brentzens war der gleichfalls getaufte Paul Christian Rirchner, Verfasser -des durch seine Holzschnitte, die für das Rulturleben der Juden recht interessant sind, zwar wertvollen aber sehr verlogenen und gehässigen Buches: „Jüdisches Zeremoniell" (Frankfurt a. M. (720), das die Blutbeschuldigung als etwas ganz selbstverständliches darstellt. Seine Aussprüche sind für die späteren antisemitischen Autoritäten geradezu grundlegend geworden. Auch Pfefferkorn war ein eifriger Verfechter der Ritualmordlüge, und wenn Professor Strack ihn in seinem Buche über das Blut und die Blutbeschuldigung als einen Zeugen dagegen anführt, so hat /er ihn nur nach seinen ersten Schriften beurteilt. In dem (509 erschienenen Buche über das jüdische Osterfest fand sich bereits die Anklage, daß die Juden Christen um's Leben bringen, und sie schließt mit der üblichen Mahnung, man solle darum die Juden wie räudige Hunde verjagen usw. Rann man schon dies als eine „zarte" Anspielung, wenn auch als keine glatt ausgesprochene Anklage betrachten, so wirft er ihnen in seiner späteren Schrift: „T inemitte i d i g e Rlage über alle Rlagen" ganz scharf Ritualmord und anderes, besonders Hostienschändung vor, und es darf auch nicht vergessen werden, wie er sich bei dem Brandenburger Blutprozeß benahm. In Berlin hatte der Rurfürst Joachim I. 38 Juden wegen angeblichen Ritualmordes und Hostienfrevels auf einem Roste langsam zu tote braten lassen, und diesen scheußlichen Vorfall nutzte Pfefferkorn zusammen mit den Dominikanern weidlich aus. Auf die Grundlage des Prozesses sich stützend, suchte er dem Raiser nachzuweisen, daß diese christenmordenden Juden ihre Feindseligkeit aus dem Talmud lernten. Pfefferkorn war eben kein Mittel zu gemein, wenn es nur seinem „oeterurn censeo Talmud delendum esse" diente. An literarischen Versuchen die Ritualmordlüge zu begründen, hat es auch in neuerer Zeit nicht gefehlt. Tin rumänischer Jude, ein wegen sittlicher Verfehlungen seines Amtes entsetzter Lehrer, trat zum Christentum über und schrieb unter dem bezeichnenden Namen Noah meschummod im Jahre (803 ein judenfeindliches Werk, das er „T d u t h b e j i s r a e l" (Zeugnis gegen Israel) nannte. Die Schrift, die unter Billigung und auf Rosten des damaligen Metropoliten der Moldau zu Jassy erschien, übte auf die abergläubische Landbevölkerung, der sie die Geistlichkeit übermittelte, eine ^oße Wirkung, und sie mit ihrer Ritualmordbeschuldigung gilt den vielen rumänischen Judenfeinden noch heute als unanfechtbare Quelle. In Deutschland waren es besonders zwei Männer, die im neunzehnten Jahrhundert sich auf die „wissenschaftliche" Begründung der Blutlüge verlegten. Paulus Meyer, ein russischer Jude, der (862 geboren und (882