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Liberales Judentum · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 232

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 232 (sequence 16)
Language
German
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232 Ar. Goldmann: Taufzndentum und Antisemitismus 0 0 Presse gegen jüdische Richter und Zeugen hetzt, so spricht aus ihren Anklagen der Erfindergeist jenes Täuflings/ Auch in neuerer Zeit haben getaufte Zuden den alten Vorwurf nicht einrosten lassen. Der ebenfalls schon erwähnte D. W. B. Fränkel (^8^2) wußte sogar Eisenmen ger zu übertreffen, dem bei aller sonstigen Gehässigkeit dieser Unsinn denn doch z u groß war und der darum zugibt, daß Kol nidre nicht von Eiden, sondern von Gelübden handele. Fränkel, der Täufling, aber behauptet, daß man dadurch Eide löse, und weil diese verruchten Juden von religionswegen Meineide schwören, dürfe und könne der christliche Staat sie niemals emanzipieren! Getaufte Zuden haben sich nicht nur damit begnügt, theoretisch die Gebete anzuschwärzen, sie sind auch zuweilen recht tatkräftig aufgetreten, um die jüdischen Gebete mit Stumpf und Stiel auszurotten. So wird, wie bereits erwähnt, von Ascher von U d i n e erzählt, daß er \559 den Zuden Prags einfach alle Gebetbücher abnahm, so daß die Vorbeter alles auswendig hersagen mußten. Der Konvertit Thristian Wilhelm Th ri st lieb schrieb 1(7^5: „Kurzer Auszug aus den S e l i ch o t h." Zn diesem Buche tobt er ganz schrecklich gegen die Juden und sucht die Obrigkeit zu veranlassen, den Juden alle Gebetbücher mit Ausnahme der Psalmen fortzunehmen. Glücklicherweise war ihm ein voller Erfolg nicht beschieden. Taufzudrn erheben die Ritualmordbeschuldignng. Zn engem Zusammenhänge mit den Beschuldigungen gegen den Talmud, steht auch jene andere, daß die Zuden zu den Zwecken ihres Ritus Blut gebrauchen,unddaßsieau.sdiesemGrunde Thristen ermorden. Diese Beschuldigung, die in früherer Zeit auch von den Heiden gegen die T h r i st e n erhoben wurde, ist darum für die Zuden so bedeutsam geworden, weil sie fast die einzige ist, die sich bis in unsere Zeit zäh" hineingezogen hat; sie wird noch heute von gewissenlosen Zudenfeinden benutzt, um bsaß und Verfolgung zu säen, sie fordert noch heute jahraus, jahrein in mehr oder weniger kultivierten Ländern ihre entsetzlichen Opfer. Kein traurigeres Kapitel als dieses gibt es in der ganzen jüdischen Geschichte. Für jeden halbwegs logisch'denkenden und ehrlichen Menschen, sei er Lhrist oder sonst irgend einer Religion angehörig, stand es jederzeit fest, daß man es nur mit einem von Verbrechern künstlich geschürten Wahn des Pöbels zu tun hatte, aber Logik und Ehrlichkeit waren nie die leitenden Prinzipien der Weltgeschichte. ^Das Blut erstarrt uns in den Adern, wenn wir daran denken, wie viele arme, unschuldige Menschen dieses Wahnes wegen einen qualvollen Tod erlitteu haben, vor unseren Augen steigen die unzähligen Scheiterhaufen auf, die Richtstätten, die Folterwerkzeuge, mit denen man einer Lüge wegen unsere Väter gemordet hat; wir sehen sie in ihren Häusern verbrannt, auf der Straße von einem beutegierigen Pöbel erschlagen, wir hören den Schrei der gequälten Stiefkinder des Geschicks, jeneu qualvollen Schrei der Anklage gegen die Welt und ihre „Kultur!" Es gibt keine gemeinere und keine, empörendere Anklage, als die des Ritualmordes, und es ist darum fast selbstverständlich, daß auch hier getaufte Zuden sich nicht scheuten, durch Verbreitung und Begründung selbst dieses Märchens ihre Gesinnungstüchtigkeit zu erweisen. Man kann sogar behaupten, daß die Blutlüge nimmermehr solange in unsere Zeit hätte hineinwirken können, hätten nicht getaufte Zuden durch Fälschungen des jüdischen Schrifttums ihr eine Unterlage gegeben, auf welche sich

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