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Liberales Judentum · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 229

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 229 (sequence 13)
Language
German
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O 0 o o Ar. Goldmann: Tanfjndentum und Antisemitismus 22A <rus dessen einem Satze eine fälschende und i unsinnige Exegese eine Beschimpfung Christi herauslas, und schließlich das Kol nidregebet vom Vorabend des Versöhnungstages, das sich mit der Lösung von Gelübden befaßt, die sich der Mensch in der Uebereilung selber auferlegt hat, und das zu der Anklage Anlaß gegeben hat, das jüdische Sittengesetz gestatte dem Juden den Meineid. Wie bei den Beschuldigungen gegen den Talmud spielen auch hier getaufte Juden eine große Rolle, besonders durch die Lieferung eines gefälschten Materials. Die Beschuldigung gegen Kol nid re, die so viel Herzeleid über Israel gebracht hat, ist nachgewiesenermaßen überhaupt die Erfindung eines Taufjuden, und auch bei den beiden anderen ist es fast sicher, daß sie das Geisteswerk von Renegaten sind. Der erste, der die seitdem unaufhörlich nachgesprochene Beschuldigung, die Benediklion Welamals chinim gelte den Lhristen, erhoben hat, scheint der später nochmals zu erwähnende Alfonso Bürge n s i s aus Valladolid (Abner von Burgos) gewesen zu sein. Tr behauptete, daß in dieser Gebetsformel das Christentum verflucht werde, und in einem Religionsgespräch über diesen Gegenstand, blieb er, der ja die Staatsgewalt auf seiner Seite hatte, naturgemäß Sieger. Tr erlangte am 25. Februar s536 vom König Alfonso einen Befehl, der bei hoher Strafe den Juden das Beten dieses Stückes verbot. . Der Renegat hatte damit zweierlei erreicht. Er hatte nicht nur den k^aß des jDöbels auf das Judentum gelenkt, sondern sich auch das Recht verschafft, bis in das heiligste des Judentums, bis in das Gotteshaus zu dringen und dort seine ehemaligen Glaubensgenossen nach Herzenslust zu peinigen. Der im \5. Jahrhundert lebende Geronimo da Santa Fe, als Jude Iosua Lorki, dem kein Vorwurf zu gemein war,, wenn er nur den Juden schadete, wieder-- holte die Schmähung des Alfonso Burgensis, ja er ging noch weiter und behauptete, daß alles, was in den Gebeten, wie auch im Talmud, gegen Heiden und Abtrünnige gesagt ist, sich auf Christen beziehe. Diese bewußte Fälschung eines Mannes, dessen jüdischer Gelehrsamkeit der wahre Sinn der Stellen offenbar war, hat unendlichen Schaden verursacht, denn seine Anschuldigungen sind ungeprüft von allen Judenfeinden nachgeschrieben worden, und tausende unserer Glaubensgenossen haben um seiner Lügen willen das Leben gelassen. Aus den vielen traurigen praktischen Folgen dieser Beschuldigung, sei eine herausgegriffen, wobei wieder ein getaufter Jude eine Rolle spielt. Der j)apst j) i u s V. wollte die Gemeinde Bologna berauben, und er ließ deshalb \567 kurzerhand mehrere Juden dieser Stadt in den Kerker werfen. Als er dann nachzusinnen begann, welches Verbrechens er sie wohl beschuldigen könnte, kam ihm ein Täufling namens Alessandro zu Lstlfe, der die Anklage erhob, daß die Juden die Katholiken als Götzendiener betrachteten, daß insbesondere die Formel „Welamalschinim" sich auf die Lhristen bezöge, und daß unter der „Herrschaft des Frevel s", einem Ausdruck, der in anderen Gebeten vorkommt, das Papsttum zu verstehen wäre. Der lügnerische Renegat erreichte, daß die Juden auf der Folter befragt wurden, wobei sie natürlich in den rasenden Schmerzen alles eingestanden. Die letzte Folge war eine Bulle vom 26. Februar \56<)f durch die sämtliche Juden des Kirchenstaates mit Ausnahme derer zu Rom und zu Ankona ausgewiesen wurden. Wer zurückblieb, sollte in die Sklaverei verfallen. Nur wenige traten zum j Christentum über, die meisten ließen all ihr

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