Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Gotthard Neutsch: Der Glaube an Hobetspänr 225 senden Abschnitt aus dem „Teitsch Thummesch" und ähnliche fromme Gedanken. Nacheme Reb Schauls führte den Vorsitz in dem Zirkel, welchem meine alte Tante, „die Muhme Lhawe", angehörte, und so wurde ich denn Zeuge ihrer Entrüstung über die gottlose Neuerung, j Nacheme war eine „fromme Frau" von Beruf. Sie besuchte die Synagoge täglich und war immer zur Hand, wenn es nötig war, für einen Kranken Psalmen zu rezitieren, oder auf den Gräbern seiner verwandten oder einflußreicher Zaddikim, von denen es ja auf dem Nikolsburger „gut Grt" eine beträchtliche Zahl gab, Fürbitte einzulegen. Natürlich fehlte sie niemals, wenn es galt, einer verstorbenen Frau ihr „Nachts" zu tun. Sie hatte das Privilegium zu diesem frommen Tun ererbt, denn bereits ihr Vater Reb Schaul war LibererH gewesen. Sie war daher begreiflicherweise eine eifrige Verteidigerin des Herkommens. An dem Sabbat, von dem ich spreche, erzählte Nacheme von der schweren Gewissensnot, die sie ausgestanden hatte, als sie zum ersten Male mitansah, wie man eine Leiche in den Sarg legte, und diesen vernagelte. „Zeder Klapp", sagte sie, „Hot mer a Klapp in Harzen gegeben. Wie das früher war, da wußte ich, wenn Moschiach kimmt, nemm ech mer mei Gäbele in de Hand, tue an Hüpp' ün draußen bin ech. Zetzt, wenn man einen so einnagelt, wie wert me do erauskümme?" Zch war damals Gymnasiast und gleich allen meinen Standesgenossen von tiefem Mitleid mit der geistig zurückgebliebenen Menschheit der älteren Generation erfüllt. Zch lächelte daher, i) Das Wort ist unklaren Ursprunges. Ich vermute, daß es mit Livree — also so viel als livrierter Diener —, zusammenhängt. Der Liberer war gleichzeitig Auswärter bei Hochzeiten, und hieß auch „Sarver" Servieren, ein Ausdruck, der weit verbreitet ist. S. Hildesheimer, Jubelschrift, S. 83; Heymann: Lebenserinneruugen, S. 224; Wengeroff: Memoiren, II, 61. ohne mir Mühe zu geben, mein Lächeln vor Nacheme zu verbergen. Sie nahm es nicht übel. Zch glaube sogar, sie bemitleidete mich, denn sie fuhr fort: „Haintigstogs lacht men vün allen. Ech glaab wos geschrieben steht, ün wenn geschrieben steht, Hoibelschpo', glaab iech Hoibelschpo'". Nacheme ist schon lange tot. Auch ihr Sohn Esriel, der die ererbten Traditionen als „Liberer" in Brünn vertrat, ist schon in der Lage für mich alles Gute auszubeten. Das Genus dürfte in Westeuropa schon ausgestorben sein, aber der Glaube an Hobelspäne lebt noch, wenn er sich auch hinter Perücken verbirgt, die so künstlich gemacht sind, daß man sie von natürlichem Haar nicht zu unterscheiden vermag. Zn dieser Hinsicht kommt zunächst die Pseudo-Geschichtswissenschaft in Betracht, die sich um das Banner Zsaac Halevys schart Kaum eine Nummer der orthodoxen Zournale kann erscheinen, ohne triumphierend über einen Vortrag zu berichten, der den großen Meister feiert, welcher die jüdische Geschichtsschreibung aus den Klauen der großen Ketzer, Graetz, Z. H. Weiß und anderer Zerobeams gerettet hat. Zedenfalls erscheint kein Band des Zahrbuches der jüdisch-literarischen Gesellschaft, Sitz: Frankfurt a. M. ohne glimmende Weihrauchpfanne, entzündet zu Ehren des großen Meisters. Wenn wir genau zufehen, so handelt es sich dabei um den alten apologetischen Kniff etwas zu behaupten, was niemand bestritten hat, etwas zu bestreiten, was niemand behauptet hat, und endlich triumphierend etwas zu beweisen, was für den Gegenstand der Kontroverse ohne jede Bedeutung ist. Schließlich werden nach dem Muster der pilpulisten des siebzehnten Zahrhunderts die historischen Texte verdreht und „ausgeglichen" und somit zugegeben, daß diese Texte nicht als genaue historische Ueberlieferung gelten können.