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Liberales Judentum · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 224

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
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224 Gotthard Deutsch: Der Glaube an Kabelspäne nicht brauchen. Nur einen Friedeninder Wahrheit. Die bittere Wahrheit, .die ich meinen Herrn Rollegen von der Orthodoxie hier in der Öffentlichkeit sage, wird mir den Weg zum Frieden nicht verlegen. Wir werden uns über die Wahrheit hin die Hände reichen. Ich werde ihnen zeigen, daß wir zu einander gehören, wie die zwei Brennpunkte einer Gllipse; daß Orthodoxie und Liberalismus im Judentum einander nicht entbehren können. Wir kommen zum Frieden durch die Wahrheit. Vorläufig wollen wir aber zu unserem Herrn Oberlehrer Dr. Tarlebach und seinem Vortrag über das Recht zur Oberflächlichkeit zurückkehren. Wir wollen nun seinen p i l p u l i st i s ch e n Runststücken uns zuwenden. Das soll aber von nun ab in aller Gemütlichkeit geschehen. (Fortsetzung folgt.) Oer 6Iaube an üobelspäne. 6n beitrag zu den inneren Kämpfen im Judentum der (Gegenwart. Von 6ottkarä OeutletiTincinnati. s dürfte etwa im Jahre (875 gewesen sein, daß die Frommen in der ehrwürdigen Gemeinde Nikolsburg in Aufregung und schwere Gewissensangst gerieten. Gin Dekret des Vorstandes hatte mit rauher Hand in die heiligsten Gebräuche eingegriffen. Ghe ich das Tatsächliche dieser Bilderstürmerei berichte, sei mir gestattet, zu meiner Verteidigung zu bemerken, daß ich mit Vorbedacht sagte: „die Frommen" und nicht „die Orthodoxen", denn Orthodoxe mit etwaiger Ausnahme des Rabbiners Dr. Feuchtwang, eines Süddeutschen, gab es bei uns nicht. Man kannte nur Fromme in drei Abstufungen: „Iüden, ehrliche Iüden und Zaddikim". Was hatte sich ereignet? Gin Mann war an einem Freitag Morgen im Hochsommer gestorben und konnte erst am Sonntag begraben werden, da man die Ankunft auswärtiger Rinder abwarten mußte. Gs hatte sich herausgestellt, daß es aus hygienischen Gründen nicht anging, die Leiche, wie seit uralten Zeiten üblich, auf einer Bahre zum Grabe zu tragen, sie ■ dort auf die bloße!Grde zu betten, und ihr die letzten Liebesdienste zu erweisen, „d.as Rachts ze tho'". Diese bestanden darin, daß man dem Toten einen Gabelast in die Hand gab, ihm Tonscherben auf Mund und Augen legte und ihm etwaiges Unrecht abbat (Mechile beten). Das Letztere hatte sich zu einer Art von liturgischer Formel ausgebildet, die, soweit ich mich erinnere, lautete: „Auf der Welt bist.de gewesen ä schene Metoneh, auf jenner Welt sollst de sein fer üns alle ä Meliz Ioischer ün sollst ausbeten alles Güte fer" . . . und nun folgte die Nennung der Interessenten, der Thebra Raddischa, der Rehille, der Mischpoche und einzelner Individuen, die wohl Grund hatten, zu fürchten, daß der Dahingeschiedene ihnen etwas nachtragen könne und endlich „fer kol Iisroel". Das alles sollte nach dem Ukas des Vorstandes nun im Hause vorgenommen werden, denn alle Leichen mußten künftig in einem Sarge begraben werden. Die gewalttätige Neuerung wurde in einem Rreise frommer Frauen besprochen, die sich am Sabbat-Nachmittag zu versammeln pflegten. Ginen Frauenbund gab es ebensowenig als eine ^traditionell gesetzestreue Vereinigung". Solche gottlose Neuerungen wären mit Gntrüstung zurückgewiesen worden, aber man kam zusammen und diskutierte neben den Tagesereignissen den lau-

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