Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126568--1562-3128380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vr. Goldfchrnidt: Jur Wahrheit über -ie Richtlinien nnd;um Frieden 223 und in ein gesundes homerisches Gelächter ausbrechen? üisurn teneatis, amici! Wie komisch würde es z. B. so einem Oberlehrer der Mathematik und Physik, oder sonst eines Faches, Vorkommen, wenn ein Rabbiner ihm Oberflächlichkeit in dem Fach, in dem er Oberlehrer ist, zum Vorwurf machen wollte! Herr Oberlehrer Dr. Tarlebach ist aber naiv genug, das Römische seines Unternehmens gar nicht zu empfinden. Gr, der Oberlehrer in irgend einer Wissenschaft, kanzelt in einer r a b b i n i s ch e n Streitfrage den Rabbiner der Frankfurter Gemeinde schulmeisterhaft ab und inacht diesem den Vorwurf der Oberflächlichkeit! Wie weit er sich in seinem eingebildeten Lamdonus versteigt, zeigt am besten folgende Leistung, Herr Dr. Seligmann nennt sich und seine gleichgesinnten Rollegen: „die Rleinsten der Rleinen". Herr Oberlehrer Dr. Tarlebach findet es nun geschmackvoll, diesen Ausdruck der Bescheidenheit so zu behandeln: „So wird er natürlich sehr ungehalten sein . . . wenn wir besonders auf die demütige Bescheidenheit seines Bekenntnisses, zu den Rleinsten der Rleinen zu gehören, ihm erwidern: du bist doch wirklich nicht groß, was machst du dich erst klein" (Israelit Nr. 5. 8, Sp. 2). Herr Oberlehrer Dr. Tarlebach ist ein Freund von Anekdoten. Ich will ihm auch eine erzählen. vor etwa 37 Jahren feierte Dr. Israel Hildesheimer ein 23 jähriges Jubiläum, ich glaube als Rabbiner. Die Feier nahm einen glänzenden Verlauf, von nah und fern waren die Schüler herbeigekommen. Ich selber gehörte damals noch zur orthodoxen Partei und durfte natürlich nicht fehlen. Unter den vielen Toasten, die gehalten wurden, hat sich einer meinem Gedächtnis eingeprägt, der die Bescheidenheit. des „Rebbe" zum Thema hätte. Um diese ins rechte Licht zu setzen, erzählte der Redner folgende Anekdote: Girr Schüler kam einst zum Rabbi mit einer ganz frech vorgetragenen Anfrage. Der Rabbi wies ihm die Türe, da sagte der Schüler: Rabbi, es steht doch geschrieben, marr soll ein onow (bescheiden) sein? — Der Rabbi erwiderte: Wenn schon geschrieben steht, daß ich ein onow sein soll, wo steht denn geschrieben, daß d u ein chozuf (frecher Rerl) sein sollst?" Wissen Sie, wer diese Anekdote damals vorgetragen hat? Rein Geringerer als Ihr Vater, Herr Oberlehrer: der jetzige Herr Rabbiner Dr. S. Tarlebach in Lübeck. Der kindlich naive Ton der Verwunderung, den er mit Nachdruck auf das Wort chozuf gelegt hatte, tönt mir noch heute lächelnd in den Ohren. Gs ist anzunehmen, daß Ihnen Ihr Väter, den Sie ja breitspurig für sich zitieren, auch diese Anekdote erzählt hat. Da haben Sie sich sicher die „Raschje" gefragt: darf man ein chozuf sein gegen jemand der bescheiden ist? Und da haben Sie sich den „Terutz" (Antwort) gegeben: Wenn es ein Orthodoxer ist, gewiß nicht; ist es aber ein Liberaler — dann ist es sogar eine Rkizwo. — Stimmt das, oder stimmt das nicht? — Ja, Ihr Herren Ritter der lendenlahmen deutschen j)ilpulistik, merkt Guch das! Gs steht wirklich geschrieben: Ich soll ein onow sein; es steht aber nirgends geschrieben: Du sollst ein chozuf sein! Herr Rabbiner Dr. Tarlebach, nicht der Herr Oberlehrer Dr. Tarlebach, hat recht! Diese etwas ungemütliche Auseinandersetzung über das Niveau der talmudischen Gelehrsamkeit unserer deutschen Orthodoxie mußte vorausgehen, um das allgemeine Gewicht der zelotischen Bekämpfer der Richtlinien richtig einzuschätzen. Diese Wahrheit mußte gesagt werden, wenn wir zum Frieden kommen wollen: si vis pacem para bellum. Ginen faulen Frieden können wir