Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Ar. Gsldschmidt: Jur Wahrheit über die Richtlinien nnd zum Frieden ternheit in Verbindung mit dem Mangel an Zeit ließ sie auch nicht zur Virtuosität in der Produktion von farbenschillernden Seifenblasen kommen. Ihre Pilpulistik entbehrt des Inhalts und des Schwunges, der Großzügigkeit der orientalischen Phantasie. Wenn man mit einem ungarischen oder polnischen Talmudisten über das Lamdonus unserer deutschen Orthodoxie spricht, lacht er. Deutsches Lamdonus: das ist ihm ein Widerspruch in sich. Gr hat Respekt vor der deutschen Wissenschaft, vor Geiger, Frankel ic.; er läßt der Frömmigkeit, der Opferwilligkeit, der Energie der deutschen Orthodoxie Gerechtigkeit widerfahren; aber deutsches Lamdonus: das ist ihm ein guter Witz. Die paar tüchtigen Talmudisten unter den deutschen Orthodoxen sind keine Deutsche, und die Deutschen unter den orthodoxen Rabbinen sind keine „Lamdonim". Das ist ja doch gar nicht zu verwundern. Woher sollen sie denn die Zeit nehmen, große talmide chachamim zu werden? So ein deutscher orthodoxer Rabbi hat ganz was anderes zu tun, als ordentlich Talmud studieren: er hat vor allem die gar nicht wenig Zeit raubenden Pflichten seines Berufes, Schechita, Mikwe, Metzger, Restaurationen seines Bezirkes, die Milch, dis Butter, das Schatnes, die weiblichen Haarturen ic. ic. zu beaufsichtigen, in der Schule zu unterrichten, die Schulen zu inspizieren, den Behörden Gutachten abzugeben, Trauungsreden zu halten, predigten vorzubereiten 2C. ic. Einer der Herren, der berüchtigste Heißsporn, untersucht auch die Brith milo der Schulknaben, um sie eventuell nachträglich zu reparieren — das ist keine Malice, das ist Tatsache. Wie soll man dabei ein großer Talmudist werden? Dabei fehlt ihnen die Hauptsache, die den ungarischen und polnischen Rabbiner zur talmudischen Größe macht: die Ieschiba, die Talmud-Jünger, die zu ihren Füßen sitzen, es fehlt ihnen das äo66näo discimus. Kurz: es ist begreiflich und verzeihlich, daß die deutsche Orthodoxie keine talmudischen Kapazitäten aufzuweisen hat. Ls würde auch kein vernünftiger Mensch daraus einen Vorwurf machen, wenn nicht die orthodoxen Rabbiner Deutschlands sich aufs hohe Roß der Gelehrsamkeit setzen und sich zum Sachverständigen über das was Judentum und Tora ist, aufwerfen würden. Sie kokettieren und paradieren so gerne mit dem Namen: „Gesetzestreue". Kein Wunder! Wer gesetzestreu ist, muß doch auch ... Kenner des Gesetzes sein. Sie sind aber nichts weniger als Kenner des Gesetzes. Der größte Teil von ihnen steht hilflos da vor dem größten Teil des Talmud. Sie können ihn lesen, vielleicht auch notdürftig übersetzen; sie paradieren aber mit ihrer ärmlichen Talmudkenntnis, wie es nie die wahrhaft Großen tun würden, ganz im Sinne des talmudischen Sprüchworts: istiro bilegina kaschkesch kaschkescb, wenn ein Groschen in der Büchse ist, macht er einen großen Lärm, eine Büchse ganz voll mit Münzen macht keinen Lärm. Wenn das von den R a b b i n e n der Orthodoxie gilt, so gilt es gewiß noch mit viel größerem Rechte von den . . . Oberlehrern derselben. Je tüchtiger ein solcher in .seinem Fach ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß er vom Talmud viel versteht. Wenn nun ein solcher Oberlehrer gar in dieser Rolle, eines großen Talmudisten dem Rabbiner der zweitgrößten Gemeinde Deutschlands einen weitschweifigen Vortrag über . . . Das Recht zur Oberflächlich? eit hält: wer, der das Niveau der talmudischen Gelehrsamkeit unter den deutschen Orthodoxen kennt, wird nicht den ganzen Humor dieser Situation empfinden