Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Goldschrnrdt: Zur Wahrheit über die Richtlinien und zum Frieden 221 nicht! Die Frommen haben sich ja diese Bezeichnung nicht beigelegt! Das haben sie sich ja erst später gefallen lassen! Welche Oberflächlichkeit! Das „Recht zur Oberflächlichkeit"!" Ich bemerke darum zur Vorsicht, daß ich „orthodox" nur aus Bequemlichkeit sage, nur im Sinne von „fromm", gottesfürchtig", eine Bedeutung, die es ja vielleicht im Laufe der Zeit verloren hat.) Aus diesem Grunde mußte Hildesheimer das Rabbinat Tisenstadt annehmen, um einerseits durch persönliche Wirksamkeit und persönlichen Verkehr mit den frommen Rabbinern das Vorurteil gegen die Wissenschaft zu brechen, und andererseits um aus frommen Kreisen Schüler heranzuziehen. Welch eine Riesenaufgabe das war, kann man daraus ermessen, daß Dr. Israel Hildesheimer wirklich von Rabbi Hillel Szikß und einem sehr bedeutenden Anhang desselben in Ungarn, und einmal sogar von den Koriphäen in Jerusalem mit dem Therem (Bann) belegt wurde. Ja, die Herren Orthodoxen, die uns Liberale heute mit dem Bann belegen, mögen daran erinnert werden, daß es noch gar nicht so lange her ist, daß sie selber von solchem Bannstrahl betroffen wurden, und daß sie in den Augen der wahrhaft Altfrommen in Ungarn und Pölert auch heute noch als Ketzer und gefährliche Feinde des echt - orthodoxen Judentums angesehen werden. In Ungarn kam Dr. Israel Hildesheimer auf die hohe Schule der pilpulistik. vor allem wurden seine Schüler seine Lehrer in dieser Kunst, „bsaschel Tala" (Threnbreit), der größte Kopf unter den Jüngern der pilpulistik, Balkany, Rl. bsorovitz, Threnfeld, Killet Klein usw. saßen zu seinen Füßen, und machten ihm mit ihrer pilpulistischen Virtuosität nicht wenig zu schaffen. Tr war ihnen dankbar dafür, er schwärmte für diese Geistestätigkeit. Wie hat er seinen Geist angespannt, um die ausgesuchten Kaschjoth (Fragen), die ihm von den Schülern während des Schiur (Kolleg) nach der Sitte der Ieschiboth (Talmudschulen) entgegenflogen, zu beantworten! Trust und Arbeit und heilige Begeisterung vermögen ja viel. Aber die Natur läßt sich nicht ummodeln. Die Grundlage war und blieb ein deutscher Kopf, der das Gymnasium und die Universität rite absolviert hatte, und das ist eben kein geeigneter Boden für pilpulistik. Was alles bei diesen Anstrengungen des Geistes auf ungewohnten Geleisen für Künsteleien, für gezwungene Unnatürlichkeiten herauskamen, davon wissen die noch lebenden ungarischen Schüler zu erzählen. Andererseits war es der persönliche und briefliche Verkehr mit den großen ungarischen Talmudisten, der ihn in dem Zauberbann der pilpulistik festhielt. Der Unterhaltungsstoff in diesen Kreisen war „8cha88 uposkim", Talmud und Dezisoren; da hieß es: 'hic Rhodus/hie salta, hier, Talmudist zeige deine xilpulistische Virtuosität, wenn du von uns als unseresgleichen behandelt sein willst! Tin solches Martyrium mußte Hildesheimer Jahrzehnte lang durchmachen — er hat es ja nicht als solches gefühlt, aber seine Freunde und Verehrer haben es für ihn empfunden — bis er es wagen konnte, in Berlin ein orthodoxes Rabbiner-Seminar zu gründen, und so kam es, daß in dieses Seminar der dem deutschen Wesen so fremde Geist der pilpulistik Tinzug hielt. vom Trhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt — nun kommt die lächerliche Kehrseite der Materie. Was bei dem großen Lehrer ein Martyrium war und einer gewissen Tragik nicht entbehrte, das wurde bei den Tpigonen zu einer Narrenkappe. Ihre Freude an ihren pilpulistischen Seifenblasen verhinderte sie, was ordentliches zu lernen, ein einfaches gediegenes talmudistisches Wissen sich anzueignen, und ihre deutsche Nüch-