Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Ar. Gsldschwidt: Zur Wahrheit über die Nichtlinien und zum Frieden sofort aus dem Stegreif. So beherrschte er das ganze Gebiet der talmudischen Literatur. Sein Fleiß und sein Gedächtnis waren fabelhaft. Ebenso beherrschte er alle Disziplinen des Gymnasial - Unterrichts, wenigstens ein Drittel seiner Schüler in Eisenstadt wurde in 3 täglichen Unterrichtsstunden von ihm selbst in die lateinische, griechische und deutsche Literatur, in Mathematik, Geschichte und Naturwissenschaft eingeführt. viele der Schüler, die später ganz bedeutende deutsche Rabbiner waren, hatten nie einen anderen Gymnasial - Unterricht als den von Hildesheimer genossen. Und als Mensch! Da ist jedes Lob zu schwach. Eine Kleinigkeit! Einer seiner Schüler, der 2 deutsche Mitschüler, pinfits und Freund, in Deutsch unterrichtete, wurde wegen Krankheit von Hildesheimer nach wiener Baden geschickt. Am Rösch chodesch brachten die Schüler ihm das Honorar. Als er es zurückwies, mit dem Bemerken, sie müßten doch bei einem Andern Unterricht nehmen und diesen bezahlen, sagten sie: Sie haben einen Gratisvertreter, Dr. Hildesheimer! 3t der Verehrung für unfern „Rebbe", Dr. Israel Hildesheimer s. A., nehme ich es mit jedem Orthodoxen auf, natnentlich mit den jetzigen Vertretern der Orthodoxie, denn diesen war Israel Hildesheimer nicht genug schneidig, nicht genug Draufgänger, nicht genug Hurrah-Grthodoxer. Die Hur r ah-Orthodoxie ist ein Meisterstück der Epigonen. Das erklärt das Unklassische dieser Erscheinung. Ich mußte das vorausschicken, um d.en möglichen Verdächtigungen der „Epigonen" wegen meines Urteils über Hildesheimer gleich vorzubeugen. So groß aber unser hochverehrter Lehrer Dr. Israel Hildesheimer nach allen Richtungen war, so klein war seine Virtuosität in der pilxulistik. Das wäre ja gar kein Fehler gewesen, so wenig wie bei S. R. Hirsch der Mangel an pilxulistik ein Fehler war. Aber Hirsch und Hildesheimer waren darin, wie in vielem andern, Antipoden: pirsch ließ seine Finger von der pilxulistik, Hildesheimer stellte seine ganze Geistestätigkeit in den Dienst der pilxulistik. Das war sein Schicksal, sein Verhängnis, Hildesheimer war ein Märtyrer derpilxulistik. Dieses Martyrium mußte er auf sich laden, wenn er seine Lebensaufgabe erfüllen sollte. Seine Lebensaufgabe war nämlich das orthodoxe Rabbiner-Seminar, als Gegengewicht gegen das Breslauer. „Orthodoxes Rabbiner - Seminar": das war in der Zeit, da Hildesheimer die Bühne der jüdischen Geschichte betrat, eine contradictio in adjecto. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wollte die Orthodoxie von einem Rabbiner-Seminar prinzipiell nichts wissen. Der fromme Jude, die talmudischen Kapazitäten betrachteten jede wissenschaftliche Beschäftigung, ja, schon richtig deutsch sprechen, als eine Gefahr fürs Judentum, wer damals kurzer Hand ein orthodoxes Seminar gegründet hätte, der wäre einfach in den Bann (Therem) getan worden, wie es Mendelssohn für seine Bibelübersetzung ergangen war. Ja ein orthodoxes Rabbiner- Seminar wäre schon aus Mangel an Schülern ein totgeborenes Kind gewesen, welcher fromme Jude hätte seinen Sohn in ein Seminar geschickt? Die süddeutsche Orthodoxie hat heute noch das Mißtrauen gegen das Seminar nicht ganz überwunden. Die Möglichkeit eines orthodoxen Rabbiner-Seminars mußte erst dadurch erkämpft werden, daß der Träger dieser Idee und der spätere Schöpfer des Seminars von den orthodoxen Kreisen als orthodox anerkannt wurde. — (Ich "sehe im Geiste den Herrn Oberlehrer Dr. Larlebach schmunzeln: „Dieser Anachronismus! Orthodoxie gab es ja damals noch