Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 208 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Geiger: Eine hundert Jahre alte antisemitische Schrift? o o o o Zeitgeiste hingegebenen Josephs II. und die verderbliche Nachahmungssucht anderer Regierungen ... die Verwandlungen der dichterischen Hirngespinste in Wirklichkeit zu unternehmen wagten." Die christlichen Konsessionen hätten sich zu solchem Tun vereint, und gerade durch die Bekämpfung eines Dritten würden sie einander näher gebracht. Man müsse daher diesen Haß stärken, den Fanatismus wieder erwecken und denen entgegentreten, welche diesen Fanatismus als „Schand- und Brandmal des aufgeklärten Zeitalters" charakterisieren. Man müsse jeder Emanzipation der Mosaiten entgegenwirken und „sie zu ihrem beeile nötigen, wenn sie es nicht freiwillig erkennen wollen". Spanien würde nicht so blühend sein, wenn es nicht seine Juden vertrieben hätte; Frankreich würde, wenn es anders gegen die Juden verfahren wäre, „nicht die Schmach auf sich haben, daß eine repräsentative Verfassung das Paradies der herrlichen Feudalherrschaft zu einem verlorenen macht und Protestanten in seinen gesegnetsten Gefilden nisten". Man müsse sich auf das Beispiel Karl des Großen stützen und „die Einführung der heiligen Inquisition gegen judaisierende Unchristen und der Todesstrafe gegen Israeliten, welche der Bekehrung oder der Verbannung widerstreben" durchsetzen. Gegen solche Maßregeln werden zwar „Philanthropen und Allerweltsbrüder" viel Geschrei erheben, aber das werde nichts nützen. Denn die Zeit werde kommen, da man die Klöster wieder einrichte, „die Jesuiten zurückrufe." Auf solche weise wird die Judenverfolgung in diesem höheren Stil nicht nur das Heil der armen verblendeten Israeliten, sondern auch der uns so viel näherstehenden Lhristenketzer erwirken". Die Konfiskation der Güter der Vertriebenen würde dann der Inquisition, den Klöstern und den Jesuiten zugute kommen. Zum Schluß folgt dann ein wortreicher Dank an die Akademie. Daß diese Schrift ernst gemeint sei, kann man sich bei der sonst bekannten liberalen Gesinnung Benzel-Sternaus garnicht denken. Zudem ist alles so übertrieben, z. B.: die Einführung einer Inquisition, die Todesstrafe gegen die Juden, daß man nicht glauben kann, ein wirklich denkender Mensch habe solche undurchführbaren Maßregeln wirklich anraten wollen. Dazu kommt noch folgendes: Eine „Akademie zum grünen Esel" hat es natürlich niemals gegeben; die Bezeichnung „Esel", die ja im allgemeinen nicht für sehr verständige hochbegabte Menschen angewendet wird, läßt schon die scherzhafte satirische Absicht der Schrift erkennen, vor allem ist der ganze Ton der Schrift so, daß man an Ironie glauben muß. Man hat ferner zu bedenken, daß Benzel-Sternau, obgleich ein geborener Katholik, gerade in religiöser'Beziehung sehrfrei dachte, ja daß er (827 zum Protestantismus ,übertrat. Es läßt sich schwer fassen, daß ein Mann, der (827 diesen Schritt gewiß nach jahrelangem Bedenken tat, im Jahre (8(8 ein so übereifriger Katholik gewesen, sein soll. Endlich muß man darauf Hinweise?:, daß viele einzelne Phrasen geradezu den Spott erkennen lassen. Es ist nicht möglich, lange Stellen abzuschreiben, aber schon der kurze folgende Satz ist wohl geeignet, die humoristisch - satirische Absicht unseres Schriftstellers zu erweisen. Er lautet: „Zugleich würde bei dieser Einrichtung nicht versäumt werden, die Fortschritte der Humanität, auf die man doch immer etwas achten und halten muß, weil sie sich zu den Umwälzungen verhält, wie die Kuhpocken zu den Blattern (daher denn auch diese erlauchte geheime Akademie, vor welcher ich Novizenworte zu stannneln die Ehre habe, ihr und dem Kartoffelbau eine ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat) in ein schönes Licht zu setzen." Nach all dem Angeführten ist man wohl zu dem Schluß berechtigt, daß es sich hier nicht um eine antisemitische Schrift handelt. Man kann nicht gerade sagen, um eine philosemitische, wohl aber darum, daß der Verfasser den aufkeimenden Judenhaß in seiner Bedenklichkeit aufzeigen wollte, ebenso wie die Gefährlichkeit der katholisierenden Reaktion, die damals in Deutschland im Anzuge war. Nun ist es freilich ein bedenklich Ding, ironisch Maßregeln zu empfehlen, denen man im tiefsten Inneren widerstrebt. Unsere Rede ((8(8 zwar nicht gehalten, aber niedergeschrieben und gedruckt; nicht gehalten, den?: eine derartige Akademie hat es ja nicht gegebe?:),. hatte allerdings keine unmittelbaren Folgen, denn sie wurde wenig verbreitet. Aber der? hier scheinbar gepredigte Judenhaß flammtemächtig auf; im Jahre (8(9 kam es m vielen