Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 207 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Geiger: Eine hundert Jahre alte antisemitische Schrift 1 207 trauriger Beweis dafür gegeben, daß Welt und Menschheit zwar fortschreiten, daß aber der biaß der Täuflinge uns in unverminderter Stärke umlauert. Brimann-Züstus ist ein seiner Vorgänger würdiger Abschluß der Reihe der Talmudfeinde! An dieses Kapitel sei noch die Tat eines Taufjuden geknüpft, die zwar nicht gegen den Talmud selbst, aber gegen einen großen Talmudisten gerichtet ist und die Gesinnung der Renegaten in reiner Ausprägung zeigt. Rabbi Me Ir von Rothenburg wurde, als er im Jahre 1286 nach dem freien Morgenlande auswandern wollte, auf dem Wege in B a s e! von einem Täufling namens Knippe erkannt und natürlich sofort verraten, so daß er an den Kaiser Rudolf ausgeliefert wurde. Dieser sah in dem berühmten Gelehrten eine Geisel, um den Juden gegenüber seine Erpressungsabsichten durchzusetzen. Den verrat des Täuflings hatte Rabbi M e T r mit lebenslänglicher Haft in Ensisheim zu büßen, da er nicht zugeben wollte, daß seine Glaubensgenossen um seinetwillen dem Kaiser die Erfüllung seiner wünsche ermöglichten. (Fortsetzung folgt.) €ine hundert Jahre alte antisemitische Schrift? Befprochen von Cudroig Geiger. 3rrr Jahre \8\8 (ohne Druckort, aber, wie man allgemein annimmt, in Aarau) erschien eine Schrift unter folgendem Titel: „Anti- Zsrael. Eine Vorlesung in der geheimen Akademie zum grünen Esel als Eintrittsrede gehalten von Horazius Tocles. Mit dem Motto: „Blaset mit Posaunen zu Zion, heiliget eine Fasten, rufet der Gemeine zusammen" Joel II, s5 (58 Seiten). Zn dem Exemplar der Königl. Bibliothek in Berlin, ist beigeschrieben „Sehr selten" und als Name des Verfassers wird daselbst genannt: Christian Ernst von Benzel- Sternau. Dieselbe Angabe findet man auch in dem bekannten Anonymen - Lexikon. Dieser Graf von Benzel-Sternau, eine Zeitlang Badischer Minister, ist schriftstellerisch besonders durch seine in der Art Zean j)auls geschriebenen Romane bekannt. Er gilt aber auch als ein großer Liberaler, ja manchmal erscheint er sogar als ein radikaler Mann. Ein Zeugnis seiner vorurteilslosen Gesinnung ist, daß er Ludwig Börne im Zahre (832 aufforderte, auf seinem Gute Mariahalden bei Zürich zu leben. Es ist bekannt, daß Börne dieser Aufforderung wirklich entsprach und mehrere Wochen auf dem genannten Gute, freilich in Abwesenheit des Grafen, zubrachte. Man weiß ferner aus Börne's und anderen Zeugnissen, daß der Graf diesen radikalen Schriftsteller außerordentlich schätzte. Kann man einem solchen Mann, an dessen Redlichkeit Börne freilich manchmal zweifelte — aber Börne war außerordentlich skeptisch — wirklich eine antisemitische Rede zuschreiben, als welche sich unsere Schrift ausgibt? versuchen wir sie zu analysieren. Der Anfang preist die alten Zustände „die vortreffliche und unübertreffliche 'Kastenhierarchie", die jetzt „durch giftige Liberalität und verderblichen Lehre von Rechtsgleichheit und Bürgertum" untergraben werden soll. Der Stolz der menschlichen Vernunft sei der Gegner der alten Ordnung; zu ihrem Schutze seien einzelne Gesegnete aufgetreten. Dafür seien vollgültige Zeugnisse die Unterdrükkung der spanischen Liberalen, das wiedererscheinen des Zesuitismus, der Kampf gegen die Preßfreiheit. Auch in Deutschland lebe glücklicherweise noch die Mystik und beginne man gegen die Juden aufzutreten. Dies geschehe in Deutschland, „wo sein von Afterweisen vielgelobter und von der Molochsbrut vielgeliebter Dohm ein eigenes Buch von der bürgerlichem: Verbesserung eines mit Recht verhaßten .... Stammes nicht nur zu schreiben, sondern sich auch des lärmenden Beifalls seiner Zeitgenossen zu erfreuen unterfing; und wo auf den mit Blumen überstreuten Schlangenwegen dieser gefährlichen Vorbilder auf und neben dem Throne die gesetzgeberische Kühnheit eines ganz dem