Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 206 (sequence 14)
- Language
- German
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206 Ar. Goldmann: Taufjudentum und Antisemitismus Jahrhunderts ((7$) erschien von dem katholisch gewordenen Salomon Seltner aus Nikolsburg eine sehr verleumderische Schmähschrift auf den Talmud unter dem Titel „de fabulis Zudaeorum", und so lassen sich Titel von talmudfeindlichen Schriften in langer Reihe bringen. Auch an praktischen Beispielen recht intensiver Feindschaft hat es in neuerer Zeit nicht gefehlt. \702 verklagte Riordechai ben Moses S ch e m a j e aus Neustadt an der Aich, als Lhrist Philipp Ernst Thriftfels (!) den Talmud beim Markgrafen von Ansbach als gotteslästerlich. Der später noch ausführlicher zu behandelnde A avon Margalita verdächtigte im Jahre l?05 die harmlose Haggada der Lästerung Jesu, und wegen der ungeheuerlichen von diesem Täufling erhobenen Beschuldigungen wurde der im gleichen Zähre zu Frankfurt a. d. O. erschienene Midrasch rabba von der preußischen Regierung mit Beschlag belegt. Selbst die theologische Fakultät der dortigen Universität, die ganz gewiß den Juden ungünstig gesinnt war, mußte dem Verleumder entgegentreten, und auf ihr Gutachten wurde das Buch freigegeben. Um dieselbe Zeit behauptete ein gewisser Josef Jakob, der mehrmals zum Thristentum übergetreten und inzwischen auch wieder eine zeitlang Jude gewesen war, daß der zu Friedberg in der Neumark benutzte Talmud Schmähungen des Thristentums und Thrrsti -enthalte. Das verdächtigte Buch wurde darauf von der Regierung zu Rüst rin eingezogen, und zum mindesten hatte der Täufling die Genugtuung, daß den Juden vor der Rückgabe Unannehmlichkeiten und Rosten entstanden. Im Jahre \7\2 — gerade diese Zeit weist eine Fülle von getauften Verfolgern auf — verleumdete ein gewisser Zef a j a s, als Thrist Inhaber des schönen und unverdächtigen Namens Christian Friede r i ch T h r i st h o l d, den Talmud, und auf ihn stützten sich wahrscheinlich die damals allmächtigen j)ragerZesuiten, als sie eine Ronfiskaüon aller in der Stadt auffindbaren jüdischen'Bücher durchsetzten. Aus der Fülle der Talmudbeschimpfer der allerneusten Zeit seien nur einige Roryphäen hervorgehoben. Zn einem später noch zu besprechenden Buche („Die Unmöglichkeit der Emanzipation der Juden im christlichen Staate. (8^2"), hat ein getreuer Schüler des Täuflings Stahl- Schlesinger, der gleichfalls übergetretene D. w. B. Fränkel geradezu unerhörte Beschuldigungen gegen das Schrifttum und den Talmud ausgesprochen, dessen „Alfanzereien" er für ein „Gaukelwerk des Rabbinismus" und kurzweg für ein „Lügenwerk" erklärt. H. Ducat und A. Sternberg haben sofort nach ihrer Taufe ((86() nichts besseres zu tun gewußt, als über denselben Gegenstand ein zur Zeit des Erscheinens viel beachtetes Buch zu schreiben, dessen Titel: „tbe Yews and the fallacies of the Talmud" schon bezeichnend ist. Der Inhalt hat es ganz besonders auf die Rabbiner abgesehen, die als Uebertreter der zehn Gebote und als Verbrecher dargestellt werden. Am bekanntesten dürfte aus der Neuzeit D r. .Justus sein, dessen Verteidigung des Ritualmordmärchens ihm eine traurige Berühmtheit verschafft hat. Zn seinem „Z u d e n s p i e g e l" schmäht er und verleumdet den Talmud in furchtbarer weise und tischt alle Märchen, unter denen die Juden im Mittelalter gelitten haben, als unantastbare Wahrheit auf. Und mögen diese Beschuldigungen wie das ganze Buch von Dr. Justus zu tausenden von Malen widerlegt worden sein, des „Judenspiegel" verhetzende Wirkung war unendlich groß, und heute noch gilt er allen Judenfeinden als Autorität. Zn Dr. Justus, der in Wahrheit der Sohn eines rumänischen Thossid war und AaronBrimann hieß, ist der Geist Pfefferkornes wieder auferstanden, und ein