Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Ar. Gsldmann: Tuufjudentum und Antisemitismus O O O o bereits nicht nur aus dem Gesichtswinkel des Gegners, sondern mehr noch vom psychiatrischen Standpunkte betra.chtet und beurteilt werden muß. Pfefferkorn und seine Helfershelfer sind durch die „Dunkelmänne r b r i e f e" an den Pranger der Weltgeschichte gestellt worden. Aber wenn .die Lektüre dieser treffenden Charakteristik auch heute noch ein befreiendes Lachen auslösen wird, uns Juden bleibt die Gesinnung, bleibt der Charakter Pfefferkorns in seinem fast imponierend konsequenten Judenhaß drohend vor Augen, und mit Schaudern denken wir an die Freude, von der er erfüllt war, wenn irgendwo Juden lotgeschlagen oder verbrannt wurden, an die Begeisterung mit der er über das unendliche Llend der Regensburger Juden schreibt, an die Selbstverständlichkeit, mit der er die entsetzliche Schändung der jüdischen Leichen auf dem dortigen alten Friedhof hinnimmt. Seine letzte Schmähschrift entfernt sich nicht von den alten Bahnen: sie ist dem innigen Herzenswünsche gewidmet, daß Worms wie Frankfurt es Regensburg gleich tue, die Juden vertreibe, die Synagogen zerstöre und das gesamte Ver-? mögen konfisziere. Pfefferkorns Wirken war für den allgemeinen geistigen Fortschritt von unberechenbarem Vorteil. Die Juden hatten freilich davon nur das unendliche Leid, denn die Giftsaat, die er ausgestreut hatte, trug noch für Jahrzehnte die bösesten Früchte und verbreitete sich bis in weite Fernen. Auch in dem vierten Iudenlande, in Italien, bewährten sich zu jener Zeit getaufte Juden als grimme Feinde Israels. Um das Jahr 1(553 verbanden sich dort zwei getaufte Lnkel des berühmten Sxrachgelehrten Elia L e - vita, nämlich Lliano und Salomo Romano, als Christen Vittorio Lliano und Johanna Baxtista, mit zwei anderen boshaften Renegaten, namens Joseph Rkoro und Ananel di Foligno, um den Talmud und die Juden zu vernichten. Vor den Papst Julius III., der ihre Klagen nicht ungern anhörte, brachten sie die übliche Beschuldigung, daß der Talmud gemeine Schmähungen gegen Jesus enthalte, daß ev die Kirche und die Christenheit wüst beschimpfe und die Juden in ihrer Halsstarrigkeit bestärkend die Bekehrung hindere. Julius übergab diese Anklagen mit Freuden her Inquisition, welche ohne lange Untersuchung auf das Zeugnis der jubelnden Täuflinge hin die Däuser der römischen Juden überfallen und alle Talmudexemplare konfiszieren ließ, um sie dann mit raffinierter Bosheit gerade am jüdischen Neujahrsfeste vor den Augen der im Schmerze rasenden Juden zu verbrennen. Von Rom wälzte sich der Brand, von den Täuflingen sorgsam geschürt, weiter und weiter. In Venedigs in Ferrara, in Mantua, Padua und vielen anderen Orten gingen Hunderte und tausende von Talmudexemplaren zu Grunde, ja selbst die Bibel und die Ritualcodices fanden keine Gnade vor den Augen der getauften Peiniger. Kaum war der erste Sturm vorüber, da gelang es im Jahre 1(557 ihren Wühlereien, eine neue Beschlagnahme von Büchern herbeizuführen, und das schlimmste war, daß seit jener Zeit alle jüdischen Schriften einer Zensur unterlagen, welche sie auf angebliche Kirchen- und christenfeindliche Aeußerungen untersuchte^ Auch diese Zensoren waren damals (wie heute in Rußland) getaufte Juden, da einerseits nur sie die notwendigen Kenntnisse besaßen, andererseits andere sich kaum zu dem schmutzigen Denunziantengeschäfte hergegeben hätten. Sie machten denn auch von. der ihnen eingeräumten Macht, ihre ehemaligen Glaubensgenossen zu quälen und zu berauben, einen nur allzu ausgedehnten Gebrauch. Ihr Urteil über die Christenfeindlich-- keit eines Buches hing ganz von ihrer Laune ab, und sie begünstigten noch dazu jene