Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Ar. Goidschmidt: Zur Wahrheit über die Nichtlinien und zum Frieden o o* o o wirklich unerträglich. Gibt es denn nicht Probleme, die man kennen lernen kann, ohne überhaupt ein Buch in die Hand zu nehmen? Ja, die man überhaupt nicht studieren kann? Z. B. das Problem der Menschenliebe, des feinen Taktes, des Wahrheitsinnes u. dgl. — muß man diese erst „studieren", um darüber „mitreden" zu dürfen? Ja über die Religion, deren zwei pole sind: „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott" und „Du sollst lieben deinen Nebenmenschen wie dich selbst", sollte nur der mitreden dürfen, der diese „Probleme" studiert hat? Das gilt vielleicht für Buchstabengläubige! vielleicht gibt es auch Menschen, die ihre Nebenmenschen totschlagen würden, wenn nicht geschrieben stünde: Du sollst nicht morden! Aber es gibt doch auch Menschen, die das Gebot der Menschlichkeit erfüllen würden, auch wenn es nicht „geschrieben" stünde: sollen diese über Menschlichkeit und Sittlichkeit nur so weit mitsprechen dürfen, als sie diese „Probleme" „studiert" haben? Solche Bedenken scheint Herr Dr. Tarlebach auch gehabt zu haben, darum hat er sich nach einem Gewährsmann (paußek) umgesehen: Newton hat so „gexaßkent", da ist nichts dagegen zu machen. IVie aber? Hat Newton wirklich so „gepaßkent"? Hat er wirklich das gesagt, was Herr Dr. Tarlebach in ihn hineinliest? Eigentlich nicht. Der Astronom Halley hatte sich einmal einen Scherz über biblische Forschungen und Diskussionen erlaubt — erzählt uns Herr Dr. Tarlebach — da soll Newton ihn barsch mit der Bemerkung zurückgewiesen haben: „Ich habe diese Dinge studiert, Sie nicht!" Heißt das, man darf nicht über Dinge mitreden, die man nicht studiert hat? Genau genommen, hat Newton, nach Herrn Dr. Tarlebachs Bericht, nur gesagt: man darf keinen Scherz machen über heilige Dinge, die man nicht studiert hat. Man muß auch hierin die Methode des Herrn Dr. Tarlebach bewundern. Er zitiert nicht falsch, im Gegenteile: sehr richtig. Ich nehme es wenigstens an. Er zitiert „seinen Newton" ganz richtig, aber unter der Hand verwandelt er das, was Newton wirklich sagt, in das, was Herr Dr. Tarlebach ihn sagen lassen möchte. Nun hat Herr Dr. Tarlebach den Satz, £>en er freilich ganz einfach ohne jeden Widerspruch — als Axiom, um mich mathemattsch auszüdrücken — hätte hinschreiben können, mit Hilfe der perrier'schen Methode, höchst geschickt als eine Theorie Newton's eingeschmuggelt, und eine Newton'sche Theorie läßt sich vorzüglich als Waffe gebrauchen. „Wer ein Problem nicht studiert hat, darf darüber nach Newtons Meinung, nicht mitrehen" — mit dieser Waffe in der Hand braucht der „Oberlehrer" nur blindlings drauf loszuschlagen, er braucht nur zu behaupten, daß die „Richtlinien-Rabbiner, mit dem General-Referenten Dr. Seligmann an der Spitze, über „Probleme" in den Richtlinien und im Referat „mitgeredet" hätten, die sie nicht „studiert" haben, und der Sieg ist dem Herrn Oberlehrer gewiß. Sein Ziel ist: er will den Herrn Dr. Seligmann als Ignoranten hinstellen und er denkt, oder er hofft, oder — wünscht — der Wunsch ist der Vater des Gedankens —, daß, wenn nur erst der Kopf abgeschlagen ist, dann ist der Rumpf kampfunfähig gemacht. Triumphierend jubelt Herr Gberlehrer Dr. Tarlebach gegen Schluß seines 2ten Artikels in Nr. 22 des „Israelit": „Jedenfalls hat Herr Dr. Seligmann den Nachweis erbracht, daß er noch nicht einmal pirke Aboth — Pensum der H. Masse der Religionsschule — versteht. Er war nicht vorsichtig mit den Kohlen der weisen und hat sich die Finger verbrannt. Wir können nach diesen proben Herrn Dr. Seligmann nicht die Kompetenz zugestehen, über talmudisch-rabbinische Fragen ein kritisches Urteil zu fällen."