Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Pr. Gsldschrnidt: Zur Wahrheit über die Richtlinien und zum Frieden 197 Dr. Tarlebach will den Satz beweisen: „Wer ein Problem nicht studiert hat, darf darüber nicht mitreden." (Z. JO und \\ a. a. <D.) Das ist ein Satz, der — so weit er wirklich richtig ist — so selbstverständlich ist, wie der mathematische Satz: 2 mal 2 % Herr Dr. Tarlebach führt den schweren Beweis für diesen selbstverständlichen Satz so : „Der große Naturforscher Isaak Newton war bekanntlich auch ein eifriger Bibelforscher und -Lrklärer. Ls war ihm mit seinen theologischen Studien bitter ernst. Als der Astronom Halles sich einmal einen Scherz über diese Forschungen und Diskussionen erlaubte, soll Newton ihn barsch mit der Bemerkung zurückgewiesen haben: „I ch habe diese Dinge studiert, Sie nicht!" (Anm. Dergl. <£. Mach: Die Mechanik. Leipzig J$08. S. HHO.) — Mer also ein Problem nicht studiert hat, darf darüber nach Newtons Meinung nicht mitreden. Line großartige Odysseus-Attitude zu 2 mal 2 J<! — Aber nicht nur um einen trivialen Satz zu beweisen, dient hier die perrier'sche Methode: Herr Dr. Tarlebach ist noch viel tiefer und feiner in seiner Psychologie. Lr will das Necht der Persönlichkeit geltend machen. Der Leser könnte nämlich beim Auftauchen des äsus ex machina, des Oberlehrers Dr. Tarlebach in dem Duell Wohlgemuth-Seligmann, vielleicht auf die Frage kommen: Wie kommt Saul unter die Propheten? — Nun wäre dem vorzubeugen gewesen: der Titel „Oberlehrer" brauchte nur ausgeschaltet zu werden, dann wäre der Name „Tarlebach" schon ein Freibrief zum Lintritt in die Polemik gewiesen. Mit Recht sträubte sich dagegen das Persönlichkeits-Bewußtsein des Herrn Dr. Tarlebach. Nicht als Sohn eines Rabbiners, nicht als Bruder mehrerer Rabbiner wollte er kämpfen, sondern als . . . „Oberlehrer"! In welchem Fache aber ist er Oberlehrer? Das soll uns durch die Namen Newton und Mach angedeutet werden, wie uns später im 2ten Artikel etwas deutlicher verraten wird, daß Herr Dr. Tarlebach Physiker und Mathematiker ist. Wie kommt aber der Physiker und Mathematiker unter die Theologen? Wie will Herr Dr. Tarlebach über theologische Fragen mitreden, da er doch Physik und Mathematik „studiert" hat? Antwort: „Der große Naturforscher Isaak Newton war bekanntlich — dies „bekanntlich" ist ein Meisterstück der Suggestion — auch ein eifriger Bibelforscher und -Lrklärer." Also: „Saul gehört unter die Propheten!" Noch in einem Punkte ist.die Tarlebachsche Methode charakteristisch: sie ist der Typus der Buchstabengläubigkeit. Wo steht geschrieben, daß man über ein Problem, das man nicht studiert hat, nicht mitreden darf? In Newton! Wer also ein.Problem nicht studiert hat, darf darüber nach Newtons Meinung nicht mitreden. Newton hat's gesagt — fast möchte ich sagen: gepaßkent — also steht es fest. Hier ist Newton der „Schulchan aruch": da gibt es keine Widerrede. Ja, wenn die Autorität Newton das nicht gesagt hätte, dann ließe sich ja darüber noch diskutieren — ich möchte wieder sagen: mepüalpel sein — aber nun steht es geschrieben: ein Retzer, wer da zu zweifeln wagt! — Man könnte nämlich in der Tat zweifeln, ob der Satz in vollem Umfange richtig ist. Ls wäre schrecklich, wenn er im vollen Umfange richtig wäre. Man denke einmal über die Folgen nach, wenn man wirklich nur über die Probleme mitreden dürfte, die man studiert hat. Welch' ein großes Schweigen käme dann in die Welt! Denn schließlich ist doch alles, worüber man spricht, ein „Problem". Wenn also jeder, der über etwas mitreden wollte, erst das Prüfungszeugnis vorlegen müßte, daß er es „studiert" hat, dann wäre die Tyrannei des Zeugnisses, die schon schwer .genug auf dem Leben lastet.