Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 190 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Emil Slnmenan: Stellung des modernen Judentums zum Gebet nicht eines langjährigen grammatikalischen Studiums, welches sich heute nun einmal — damit müssen wir uns abfinden — allgemein nicht mehr durchsetzen läßt. verhältnismäßig wenige Stunden würden für diesen Zweck genügen. Die wenigen Gebete würden sich um so fester einprägen und es könnte sich dann jeder uni so mehr dabei denken, und um so mehr dabei fühlen. Es wende mir niemand vom äußersten linken Flügel dagegen ein, daß damit zuviel verlangt sei. Das ist gar nichts so Ungeheuerliches, wir verlangen heute von jedem Gebildeten, daß er, wenn er auch nicht lateinisch studiert hat, doch die allgemein üblichen lateinischen Zitate und Redewendungen kennt und versteht, mit denen unsere Sprachweise zu Hunderten durchsetzt ist. Das Latein ist doch auch eine ausgestorbene Sprache, weshalb sollten wir billigerweise nicht ebenfalls eine so geringe Anforderung an uns und namentlich an unsere Zugend stellen, wo es sich um eine Sprache handelt, die im Schicksal unserer Ahnen und damit doch auch für uns eine so große Rolle spielte? Und dem Konservativen, der meinen Anspruch als nicht weit genug gehend ablehnt, erwidere ich, daß ich ja mehr verlange, als heute — nicht durch ihn gefordert, aber -— in der Praxis geleistet wird. Auch soll es ja niemand benommen sein, der dazu den Wunsch in sich fühlt, oder den wünschen seiner Eltern Nachkommen will, sich ein größeres Rlaß von Kenntnissen anzueignen, ähnlich wie ja auch sonst jemand, dem die wissenschaftlichen Unterrichts-Einrichtungen nicht genügen (wie z. B. die Volksschulen an Plätzen, wo keine höhern Lehranstalten sich befinden) auf private Ulittel bedacht sein müssen, sich weiter auszubilden. Diesem Bedürfnis wird an den größern Plätzen jede Gemeindevertretung, auch die liberalste, vielleicht diese erst recht, durch Bildung besonderer Religionsschulen entgegenkommen. Einer Ausnahme nur möchte ich das Wort reden. Ich möchte, obwohl auch diese Worte von den meisten nicht verstanden werden, die Thora-Vorlesung im Gottesdienste nicht vermissen, warum? Bitte, fragen Sie inich nicht, denn ich kann Ihnen keine Antwort darauf geben. Das gehört zu den Imponderabilien. Und was man nicht definieren kann, sieht man als Imponderabile an. Für die Wertbezeichnung sind Imponderabilien das, was im Gesetzbuch der Paragraph über den groben Unfug ist. Unter diesen Paragraph falten alle diejenigen Missetaten, die man in andern Paragraphen nicht unterbringen kann. will mail mich nun wegen dieses, meines letztern Verlangens inkonsequent nennen? Ulan tue es immerhin. Ich muß es über mich ergeheil lassen. Aber — ich will dennoch nteine Thora-Vorlesungen haben. Freilich soll die Vorlesung in würdiger, gemesseiler Form geschehen, nicht in der Art, als wenil ein Fadeil abgehaspelt würde, uild wo man den Eindruck gewinnt: „Wir müsseil schilell fertig werdeil," und wo kein Rlensch, ja selbst nicht der liebe Gott die Worte verstehen würde, wenn er sie ilicht schon kenilte, wie ich jüngst aus dein Munde eiiles witzigeil Rabbiners hörte. Um aber Zeit für einen würdigen Vortrag zu gewinnen, und auch um die Aufmerksamkeit der Zuhörer ilicht zu ermüden, müßte die Vorlesung abgekürzt werdeil. Uild ich glaube, man könnte, ohne, auch im Sinne der Konservativen, ein Religionsgesetz zu verletzeil, wenn man schon nicht den 3 jährigen Zyklus einführen will, deil jWochenabfchllitt in 5 Teile zerlegen, voll denen ja einer an verschiedenen Wochentagen, Montags, Doililerstags. und Sonnabends vorgetragen wird. Darüber hinaus aber wünsche ich, — und nun bin ich wieder konsequent —, daß auf jede Thora-Vorlesung eine Schrifterklärung folge, damit die Gemeinde weiß, um was es sich handelt, und den Schatz, der ihr sonst in einer verschlossenen Truhe ruht, auch wirklich zu sehen bekommt. Daß ich nebenher die für den gemeinsamen Gebrauch bestimmten hebräischen Gebetbücher mit der danebenstehenden deutschen Uebersetzung eingerichtet sehen möchte, ergibt sich aus allem gesagteil von selbst. Diese Bemerkungeil hatte ich gerne machen wollen, wenn eine irgendwie ersprießliche Allregung daraus hervorgeht, wird sich freuen Ihr sehr ergebener Emil Blumenau.