Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 186 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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186 O O Ar. Gold wann: Taufjudrntum und Antisemitismus Sehr früh hatte die Kirche diese Tatsache erkannt, und das ganze Mittelalter ist erfüllt von dem zähen Kampfe gegen das energisch verteidigte höchste Gut des Judentums, von einer Feindschaft, die schließlich der katholischen Kirche eine empfindliche Schlappe gebracht hat, indem die Ergebnisse des j)fefferkorn-Reuchlin'schen Streites um den Talmud entschieden der Reformation die Wege geebnet haben. Da nun nichts wie das instinktive Bewußtsein, daß mit dem Untergänge des Talmuds das Judentum vernichtet fei, die Kirche in ihre Kampfstellung gedrängt hatte, da andererseits der Talmud an sich nichts war und ist wie ein internes Buch, das jüdisches Gesetz behandelte, interpretierte und fortentwickelte, ein Merk, dem man selbst mit dem bösesten Willen nichts Verbrecherisches Nachweisen konnte, mußte zur Verleumdung gegriffen werden, und man täuschte sich nicht, wenn man in den gedrückten Verhältnissen der Süden einen siegverheißenden Bundesgenossen zu finden hoffte. Man konnte sich darauf verlassen, daß den gehetzten und geknechteten Süden seine elende Lage an einer energischen und wirkungsvollen Abwehr der Verleumdungen hinderte, daß sie ihn zur Vorsicht und zur größten Mäßigung zwang. So durfte man denn kühnlich beschimpfen und verdächtigen. Ls ist geradezu unglaublich, was man alles dem Talmud angedichtet hat, es gibt kaum ein Verbrechen, von dem man nicht behauptet hätte, der Talmud gestatte, ja gebiete es: Die Eltern zu töten, Christen zu morden, sie zu betrügen, den Stifter des Christentums zu schmähen, und so geht diese traurige Liste weiter. Besonders beliebt war die letzte Anklage, daß der Talmud gebiete, Sesus zu lästern, denn sie ermöglichte es am leichtesten, den unwissenden, blutdürstigen j)öbel aufzureizen und ihn zu Mord und Raub zu verleiten. Selbst wenn man die Ritualmord- Leschuldigung, die streng genommen auch eine Anklage gegen das talmudische Schrifttunr darstellt, ausnimmt, bleibt eine Entsetzen erregende Zahl von Märtyrern übrig, die ihr Leben aushauchen mußten, weil es der Welt gefiel, den Talmud als die Quelle des Lasters und Verbrechens zu verleumden. Sene gemeinen Lügen hätten nun alle kurze Beine gehabt, denn gewiß konnten rohe Gewalt und Fanatismus wohl Augenblickserfolge erzielen, konnten an einzelnen (Orten die Menge zu entsetzlichen Verbrechen aufstacheln, aber endgiltige dauernde Siege konnten sie nicht erringen. Lauter und immer lauter verlangten die Süden, man solle ihnen die Freveltaten, deren man sie beschuldigte, Nachweisen, man solle ihnen einmal die verbrecherischen Stellen im Talmud zeigen, und jeder Christ, der auch nur einigermaßen gerecht dachte, schloß sich diesem Verlangen an, daß man dem Angeklagten vor der Verurteilung und Bestrafung sein Verbrechen bewiese!. Nun war guter Rat teuer, und aller Eifer wäre umsonst gewesen, denn die Hetzer waren nie imstande, auch nur eine Seile des Talmuds richtig zu lesen, und wären sie es gewesen, so hätten sie nichts Böses finden können. Beschämt hätten sie sich zurückziehen müssen, wenn ihnen nicht als Retter in der Not der Taufjude beigesprungen wäre! Er verstand ja, obwohl es unter den Renegaten auch sehr unwissende Gesellen gab, den Talmud in den meisten Fällen, und in seinem Sudenhasse war er ein gefügiges Werkzeug, das aus dem Talmud bewies, was seine Gesinnungsgenossen wünschten. Durch Fälschungen, Verdrehungen, Serausreißen harmloser Stellen aus dem Texte/) durch lügnerische Ausdeutungen völlig unschuldiger h Etwa nach dem bekannten Vorbilde, das Schiller der Aufforderung zum Diebstahl bezichtigt, da es in dem Gedichte „An die Freude" heißt; „Und wer's nie gekonnt, der stehle!" Bedarf es noch irgend eines klareren Beweises? iDie Fortsetzung lautet: „weinend sich aus diesem Bund!")