Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1913-08-01 · Heft 8 (August 1913) · p. Seite 184

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 8 (August 1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 184 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126558-3126566--1521-3128337
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

184 Ar. Gsldmann: Taufzudentum und Antisemitismus ergeben müssen. Und es ist erfreulicherweise nicht zu verkennen, daß unser energischer und erfolgreicher Weck- und Ulahnruf auch in den Kreisen unserer andersgläubigen Rlitbürger eine gewisse Wirkung zu üben beginnt und daß auch dort einerseits die Stimmen sich mehren, die das unbedingte Mißtrauen gegen den gesinnungs- und religionslosen Renegaten predigen, andererseits der unglaubliche Widersinn erkannt wird, der in der Belohnung eines Menschen für feige Fahnenflucht und ^charakterlosen Meineid liegt. Mögen auch die praktischen Lrfolge noch gering sein, ein Umschwung der Stimmung bereitet sich im eigenen Lager und draußen vor, und allen, die es wirklich ernst meinen mit dem Kampfe um jüdische Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, muß es eine ernste Pflicht sein, die entstehende Flamme mit aller Kraft anzufachen und dem Taufjudentum den Krieg zu erklären bis zum äußersten! Freilich ergeht es uns im Kampfe gegen das Renegatentum genau so, wie auch sonst häufig in unseren jüdischen Bestrebungen. Wir haben eine hartnäckige Opposition, zum mindesten eine kränkende Gleichgiltigkeit dort, wo wir sie am wenigsten zu finden glauben, nämlich in unseren eigenen Reihen. Ls gibt sehr viele Süden, selbst solche, die sich für sonstige jüdisch-politische Fragen tätig interessieren, die doch in diesem Punkte uns die Gefolgschaft versagen, die den Uebertritt zu einer anderen Religion als Privatsache betrachten, welche jeder mit sich allein abzumachen habe, und die ebenso energisch bestreiten, daß das Taufjudentum zu einer moralischen Verseuchung des Staates und der Gesellschaft führe, wie daß es dem Sudentum positiven Schaden zufüge. Gerade in letzterem Punkte glauben sie die Richtigkeit ihrer Anschauungen schlagend bewiesen zu haben, wenn sie getaufte Süden aufzeigen können, die trotz _ ihrer neuen Religion es nicht verschmähen, recht leutselig die Lrklärung abzugeben, daß in gewissem Sinne immerhin der Antisemitismus vielleicht eine Schmach des Sahrhunderts genannt werden, könne, und die sogar nichts Schlimmes dabei finden, den Verkehr mit wirklichen Süden, zuweilen aufrecht zu erhalten. Wer gar no<ch das Beispiel eines wahrhaften edlen Täuflings anzuführen weiß, der kund getan hat,, trotz seiner Taufe im Kerzen ein echter und guter Sude zu sein und zu bleiben, oder eines anderen, der sogar am Versöhnungstag. das jüdische Gotteshaus aufsucht, der macht uns gewöhnlich noch einen Vorwurf daraus^ daß wir durch eine intolerante und unzeitgemäße Hetze gegen die Taufjuden dieseedlen .und selbstlosen Gefühle christlichem Liebe in den Seelen der Renegaten schnöde ersticken. Wir bösen Stürmer und Dränger sind es dann, die durch unsere unmotivierte Schärfe dem Sudentum schaden; wir sind schließlich die Störenfriede, denen man im Snteresse des Friedens und der Religion das Handwerk legen sollte! Diesen Stimmen gegenüber muß nun mit aller Schärfe der Satz aufgestellt werden, der bei jeder Beurteilung von Taufjudentum und Renegaten in erster Reihe wohl zu beachten ist, daß nämlich der T a u f j u d e der g e f ä h r l i ch st e Antisemit i st, Antisemit schon darum sein muß, weil er so am einfachsten seine neuen Glaubensgenossen von dem völligen durchgreifenden Bruch, mit den alten Verhältnissen überzeugen kann. Wenn freilich dieser Satz mehr sein soll als eine verhetzende Phrase, wie leider noch viele Süden meinen, so muß er sich in seinen verderblichen Aeußerungen auch in der jüdischen Geschichte aufzeigen lassen, und dem Rachweis der schlagenden Richtigkeit der Behauptung sollen die folgenden Ausführungen dienen. Sie enthalten nur eine Auswahl aus dem weit reicheren Geschichtsmaterial, aber sie beweisen — um das Ergebnis vorweg zu nehmen — mit einer geradezu grausamen Deut-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.