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Liberales Judentum · 1913-08-01 · Heft 8 (August 1913) · p. Seite 182

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 8 (August 1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 182 (sequence 14)
Language
German
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182 Mar Wiener: Jüdische Aenkrr des Mittelalters o o o o Selber ist längst verstummt. Wie werden wir — die Späteren — jener göttlichen Erkenntnis gewiß? Durch den Glauben an die Untrüglichkeit der Ueberlieferungskette, die von der Offenbarung am Sinai bis auf unsere Tage reicht. Dieser Glauben freilich — das ist Jehuda ha Levi ganz klar — muß auf der soliden Grundlage des Wissens ruhen. Hier findet die nüchterne Erkenntnis im System der Religion ihren wahren j)latz; und die kühle Erwägung der historischen Tatsachen lehrt, daß an der Tatsächlichkeit und Wahrhaftigkeit der prophetischen Verkündigungen, welche uns die heiligen Urkunden übermitteln, nicht gerüttelt werden dürfe. Auch das werden die philosophischen Vorgänger und Nachfolger gern zugeben. Der Unterschied ist nur, daß hier die Wahrheit der Religion grundsätzlich und -ausschließlich in dem geschichtlichen Faktum der Offenbarung verankert wird. Sinkt sie darum zum bloßen Geschichtsglauben herab? von ihm könnte schwerlich die enthusiasmierende Wirkung ausstrahlen, die gerade die Religiosität Jehuda ha - Levis zeigt. Wir müssen da einen Blick auf eine Eigentümlichkeit der geschichtlichen Religion werfen. Sie zwingt uns dazu, starr in die Vergangenheit zu schauen, in die verflossenen Tage, da die großen weltbewegenden Ereignisse sich abgespielt haben, die noch immer wirken. Der Schwerpunkt des Weltgeschehens wird in die Vergangenheit gerückt; und da dort der Höhepunkt des Weltdramas liegt, wird die Entwicklung der Menschheit oft genug als ein Abstieg von ragendem Gipfel angesehen und beklagt. Bei dem echten und rechten Offenbarungsgläubigen lebt im Grunde der Seele immer eine übermächtige Sehnsucht; aber eine traurige, tragische Sehnsucht nach dem Licht, das den Alten hell erstrahlt ist und nun immer dunkler wird. In dieser religiösen Grundstimmung wurzelt die Romantik Jehuda ha Levis, die uns am Dichter wie am Denker so wundersam ergreift. Und erst wenn wir uns in diese Romantik hineinfühlen, können wir sein Judentum begreifen, in welchem die stärkste Macht das "heiße Verlangen nach Zion ist. Die anderen, die Rationalisten, bekennen das Judentum als die Religion, welche die Wahrheit enthält, wie die Vernunft sie ergründet und anerkennt; darum fällt es ihnen auch nicht schwer, sich mit jDlaton und Aristoteles zu verbünden. Jehuda ha Levi fühlt sich vor allem als der Sohn seines Volkes, der Nation, die einstmals von Gott ausgewählt und mit der Offenbarung der Wahrheit beschenkt ward; er empfindet aufs stärkste den geschichtlichen Zusammenhang mit seinem Volke, den persönlichen, natürlichen, durch 'das Schicksal gefügten; nicht bloß die geistige Verwandtschaft. Nationales und religiöses Bewußtsein bilden bei ihm eine unauflösbare Einheit, die in der Tiefe seiner Seele durch ein mystisches Grundgefühl geknüpft ist. Hier zeigt sich auf das deutlichste der weite Abstand, der ihn, den Religiösen, von den Philosophen trennt. Es sind uns fremde befremdende Vorstellungen, die seine Auffassung vom Wesen der jüdischen Religion verrät, wenn er in Opfer und Zeremoniell, die Mittel sieht, die einen geheimnisvollen magischen Zusammenhang zwischen Mensch und Gott stiften, die Seele für die prophetische Erleuchtung vorbereiten; wenn ihm Boden und Klima des .heiligen Landes, die Abstammung Israels als die Kräfte erscheinen, die dem jüdischen Volke seinen religiösen Vorzugsrang verschafft haben. Uns mag das nur als Symptom seines mystischen, allem Rationalismus abgeneigten Geistes gelten. Wir begegnen hier der ja auch sonst in 'der Religionsgeschichte nicht seltenen Erscheinung, daß der Gefühlsüberschwang der Frömmigkeit das versinnlicht und ins Stoffliche herabzieht, was grund-

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