Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1913-08-01 · Heft 8 (August 1913) · p. Seite 180

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 8 (August 1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126558-3126566--1517-3128333
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

180 MaL Wirnrr: Jüdische Denker des Mittelalters Jödildic Denker des Mittelalters. Von ITlax Wiener-Stettin. IV. Yehuda ha-Levis Bekenntnis zur jüdischen Religio n. sobald, man über die Religion, welche man —selbst bekennt, zu philosophieren anhebt, tauchen Gefahren auf, von denen die schlichte naive Gläubigkeit nichts weiß. Man braucht da nicht bloß an die Zweifel und Ginwände ftu denken, mit welchen der Intellekt die reine Eingabe an Lehre und Gebot des Glaubens bedroht; an die mancherlei kritischen Bedenken und Vorbehalte, welche eine ruhige, selbstsichere Ueberzeugung ins Wanken bringen. Man muß sich auch vor Augen halten, daß die Kraft alles unmittelbaren Lebens und zumal des religiösen Erlebens im Gefühl wurzelt und dieses immer Ginbuße erleidet, wo nicht gar gebrochen wird, wenn zögernde, bedächtige Reflexion den dahinflutenden Strom der ihrer selbst gewissen Gmxfindung hemmt. Dieser Gefahr entgehen wir ja niemals, wenn wir die Sprache des Gefühls deuten wollen, ja wenn wir unser Gefühl überhaupt nur sprechen hören möchten .... „spricht die Seele, so spricht, ach, schon die Seele nicht mehr." Die Philosophie der Religion 'setzte damit ein, die „Vernünftigkeit" des Glaubensinhalts gegen allen Zweifel sicher zu stellen. Bei ihrem ersten großen Vertreter, bei Saadia, und auf ihrem Höhepunkte, bei Maimonides, schwebt ihr ganz deutlich das Ziel vor Augen, zu beweisen, daß Offenbarung und Wissenschaft dasselbe lehren. Zn dieser Tendenz steckt der Reim für eine zwiefache Schwierigkeit. Grstlich wird bei solcher Auffassung das Verständnis für den ganz eigentümlichen Gnthusiasmus getrübt, welcher das fromme Bewußtsein auszeichnet. Denn das reine und echte religiöse Feuer wird ausschließlich von der Ueberzeugung genährt, daß allein die Offenbarung der absolut vernünftigen Gottheit für den Menschen Quelle aller Weisheit und Weg zum echten Leben sei. Daß sie nichts Widervernünftiges enthalten könne, ist für den religiösen Standpunkt ganz selbstverständlich; so selbstverständlich, daß dev nachträgliche Beweis für die Uebereinstimmung von Vernunft und Offenbarung das Fundament des Glaubens gar nicht verstärken kann. Viel eher schwächen. Denn so wahr und notwendig es ist, daß der Inhalt der von der Religion verkündeten Lehren sich die Kritik der Wissenschaft gefallen lassen muß, so sicher wird die ursprüngliche Kräfte die urwüchsige Selbstverständlichkeit des frommen Gmpfindens gelähmt, wenn kühle behutsame Vernunft sich unterfängt, die religiöse Grundlage auf ihre Tragfähigkeit hin zu prüfen. Die Schwierigkeit läßt sich nur anerkennen, aber nicht überwinden. Wir sahen schon wie Bachja ihr zu begegnen suchte: indem er, bei voller Anerkennung der Wissenschaft und ihres Rechtes auch der Religion gegenüber, jeden einzelnen Akt der religiösen Betätigung nur gelten läßt, wofern er der freien Ueberzeugung entsprießt,, als eine „bserzenspflicht" empfunden und geübt wird, erscheint die p ejr s ö n li ch e Gesinnung als Wurzel der echten Religiosität. So wird die Teilnahme des Gemütes an den Forderungen der religiösen Lehre sicher gestellt. Die andere Konsequenz, die dem. freundnachbarlichen Verhältnis der jüdischen Theologie zur profanen Erkenntnis entsprang,, war die, daß die Betrachtung der Religion notwendig unter den bestimmenden Ginfluß der herrschenden Philosophie, geriet. In jenen Blütetagen der theologischen Spekulation gebot unumschränkt das System des Aristoteles-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.