Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 165 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o Rundschau: Königsberg — Stettin 165 zeichnete es als Taktlosigkeit seitens des Vortragenden, dem verdienten Gemeinderabbiner, wenn auch verblümt, Neigung zum Anfrieden vorzuwerfen, und forderte schließlich die Einsetzung eines Synhedrions in Palästina, dem Lande seiner Sehnsucht. Ihm gerade entgegengesetzt warf ein zionistischer Rollege Herrn Dr. Vogelstein, dessen guten willen auch er anerkenne, Schürung des Unfriedens vor. Als sich der „neutrale" Herr Vorsitzende auch da noch nicht entschließen konnte, einzugreifen, verließen die anwesenden Vorstandsmitglieder der Synagogengemeinde, Herr Dr. Vogelstein und in der Versammlung befindliche Mitglieder der „Liberalen Vereinigung" den Saal. Herr Professor Dr. Falkenheim, selbst Mitglied des Gemeindevereins, geißelte, bevor er sich entfernte, die persönliche Rampfesweise des Vortragenden, die Angriffe der Diskussionsredner auf Dr. Vogelstein und das merkwürdige verhalten des Vorsitzenden. Dieser behauptete zwar, sehr objektiv die versamm- -geleitet zu haben, aber äs ^ustibus non 68t 4isputandum. — Das Schlußwort erhielt Dr. Ropfstein. Daß er meinte, man habe ihn sachlich nicht widerlegt, ist ihm von seinem Standpunkte aus nicht übel zu nehmen. Mehr schon die Geschmacklosigkeit, als Rabbiner in emphatischer weise — Gott zum Zeugen anzurufen, daß er Dr. Vogelstein nicht habe beleidigen wollen, wenn er das sagt, muß es ihm geglaubt werden. Aber, verehrter Herr Doktor, wo bleibt dann, wenn Sie als erfahrener Redner mit solcher Akzentuierung die Geister der alten Rabbiner zitieren, wo bleibt dann Ihr Augenmaß? Mußten Sie sich nicht zum mindesten sagen, daß Ihre Worte, einer so leicht erregbarer Menge gegenüber fanatisch herausgebracht, falsch verstanden werden konnten? And sind Sie, meine Herren, Sie, Herr Vortragender und Sie, Herr Vorsitzender in Ihrer „Neutralität" fetzt wirklich überzeugt, daß Sie der Rönigsberger Gemeinde mit dieser Veranstaltung als Friedenstaube gekommen sind? Dann ist Ihre — Naivität bewunderswert. Uortrag Nogelstein in Stettin am 27. 3.13. „Mas ist religiöser Liberalismus im Judentum und warum stnd wir liberal?" Der Vortragende wies zunächst die Identifizierung des religiösen mit dem politischen Liberalismus, ferner die Identifizierung mit religiösem Indifferentismus zurück, lehnte die irrige Auffassung, als sei Liberalismus nur „Subtraktion von der Orthodoxie", ab und wandte sich gegen diejenigen, die die Befolgung aller Formen forderten, während sie selbst sich über sie hinwegsetzten. An der Hand der drei hebräischen Ausdrücke für „fromm" skizzierte er kurz das Wesen der Frömmigkeit nach jüdischer Anschauung und betonte die Notwendigkeit religiöser Formen, indem er gleichzeitig darauf hinwies, daß der Liberalismus über das Maß und die Art dieser Formen anders urteilt als die konservative Richtung. Der Liberalismus will die Religion wiederbeleben, er verlangt positive Rritik der Religion. Geschichtlich wies der Vortragende nach, daß zu allen Zeiten im Judentum wie in jeder Religionsgemeinschaft eine freiere Auffassung neben einer konservativen bestanden hat. An einer großen Anzahl von Beispielen zeigte er ferner, daß das Judentum zu allen Zeiten Veränderungen erfahren hat, ohne in seinem innersten Wesen berührt zu werden, daß der Schulchan aruch keineswegs die Darstellung des Judentums ist, wie es seit ältester Zeit bestanden hat. Auch die Neuorthodoxie ist ein Rind der kritischen Betrachtung des Judentums. Zu den Richtlinien übergehend, zeigte er, daß hier positive religiöse Rritik geübt ist, indem das Große groß und das Rleine als klein dargestellt ist. Er legte die leitenden Gesichtspunkte dar, zeigte die großen ewigen Ideen des Judentums in den Richtlinien auf und skizzierte kurz die Forderungen der Richtlinien. Er schloß mit der Erklärung, daß der Liberalismus jede abweichende religiöse Ueberzeugung achte, aber auch für seine Ueberzeugung die gleiche Achtung fordere. So sei bei aller Meinungsverschiedenheit Friede möglich und so werde das Judentum als belebende Rulturmacht für die Zukunft erhalten werden.