Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 164 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Nundfchau: Königsberg o o Genug, wir müssen uns mit den Tatsachen abfinden. Herr Rabbiner Dr. Kopfstein sprach, sprach in jener eifervollen, dem Judentum im ganzen wesensfremden Art, wie etwa die Rabbiner in Gutzkow's „Uriel Akosta", die außer sich geraten, als ihnen der Angeklagte das stolze Wort Galilei's entgegenschleudert: „Und sie bewegt sich doch!" Was der Redner sachlich vorbrachte, war etwa folgendes: Die Richtlinien lassen den Begriff der Dffenbarung vermissen. Fehle aber dieser Begriff, so entwurzele man das Judentum. Rlit ihm stehe und falle es. — Das U)ort „heilig" sei in schiefer weise zur Anwendung gekommen. Nur Gott und die Thora seien heilig, wenn aber die Richtlinien auf der einen Seite die Thora als heilig bezeichnen, sei unmöglich eine historisch-kritische Betrachtung dieses einzigen Buches am Platze. — Der Begriff der Kontinuität sei nicht klar zum Ausdruck gebracht worden. Tine Entwickelung erkenne ja selbst die Orthodoxie an, aber alles was im Judentum bestehe, lasse sich auf den Uranfang zurückführen. Darum sei es falsch, von dem Geiste der Gegenwart sich in jüdisch-religiösen Dingen beherrschen zu lassen. — Die Stellungnahme zur Sabbatfrage verstoße schwer gegen die Heiligkeit des Sabbats, Hier irgendwelche Konzessionen zu machen, sei unjüdisch. — Tr werfe den Richtlinien vor, daß selbst die Thegesetze der historisch-kritischen Würdigung unterzogen seien und daß so ein Heiligtum, das stets anerkannt worden sei, zum Gegenstand der Prüfung und Verneinung geworden sei. Nach alledem müsse man zu dem Ergebnis kommen: die Richtlinien sind abzulehnen, würde man sie vor das Forum der Synagoge bringen, die Synagoge würde sie zurückweisen. Tr, Redner, fordere zum Frieden auf, er dürfe das ganz besonders in der alten Gemeinde Königsberg tun, wo ehrwürdige Rabbiner als ihr oberstes Gesetz stets den Frieden betrachtet hätten. — Zur Diskussion erhielt als erster das Wort Herr Rabbiner Dr. Vogelstein. Eingangs seiner Rede stellte er fest, daß der „Kollege" Kopfstein es fertig bekommen habe, die Ulanen seiner Vorgänger ihm gegenüber zu zitieren und ihn als Stifter des Unfriedens hinzustellen, Hier hielt es der „neutrale" Vorsitzende für angebracht, dem Rednerr eine Beleidigung des Gastes vorzuwerfen, anstatt anzuerkennen, daß die Worte des- Herrn Vortragenden zum mindesten die Auslegung des Herrn Dr. vogelstein zuließen. Kein Wunder, daß bei dieser Geschäftsführung schon eine gewisse Lrregung Platz, griff. Zn vorzüglicher Gegenrede widerlegte dann Dr. Vogelstein die sachlichen Ausführungen Dr. Kopfsteines. Auch die liberalen Rabbiner erkennen den Begriff der Offenbarung an und halten an ihm fest; man habe aber das Wort „Offenbarung" vermieden,, um nicht den Lindruck zu erwecken, als ob die Liberalen die Entstehung der Bibel auf Verbalinspiration zurückführten, heilig sei. nicht nur die Thora, sondern die ganze Bibel. Die Richtlinien sprechen ja auch ausdrücklich von der heiligen Schrift, daher seien, die Ausführungen des Vortragenden abwegig. — Gerade, weil die Liberalen eingesehen hätten, was der Geist der Zeit erfordere, hätten sie den Beweis erbracht, dast sie an der Kontinuität festhielten. — was die Sabbatfrage beträfe, so wäre es ja gewiß herrlich, diesen Tag nach alter Vorschrift zu begehen. Aber Hand aufs Herz! wievielein diesem Saale heiligen ihn so, wie er geheiligt werden solle. Alan müsse doch — leider! — mit den wirtschaftlichen Verhältnissen rechnen; und daher sei dem Judentum mehr gedient, anstatt die Dinge gehen zu. lassen wie sie gehen, wenn diejenigen, die den Sabbat in alter Form nicht feiern könnten,, ihn so feiern, wie die Richtlinien es wünschen.. wenn der Vortragende von dem Forum der Synagoge gesprochen habe, so antworteer ihm, daß den: Judentum ein derartiges Forum fremd sei. — Dem nächsten Redner, Herrn Feinstein,, war es Vorbehalten, die Diskussion durch unangebrachte vergleiche auf das niedrige Niveau des Ausverkaufswesens herunterzuschrauben und den liberalen Geistlichen, wenn sie ihren Gemeindemitgliedern ein solches Rlinimum böten, mit Gehaltsentziehung zu drohen. Der „neutrale" Herr Vorsitzende hatte auch gegen diese Art der Debatte nichtseinzuwenden. — Tin zionistischer Redner be-