Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 159 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Sücherschmr 159- Aus ihres Herzens Tiefe steigen sie empor, diese Bekenntnisse, und es klingt darin von starkstolzem wollen und mutigen Kämpfen. Henriette Fürth hat ihn rauschen hören, den großen Strom von Leid, der durch das ganze Weltall rinnt; das erschütternde Gedicht „Tamphausen" ist uns, neben manchen anderen, Zeuge davon. Aber auch von ihrer eigenen Seehe Luft und Leid sagt sie uns, und wer versteht, der Dichterin ganz zu folgen, wer weiß, daß Lyrik nur immer der Ausfluß eigensten tiefsten Erlebens sein kann, der empfindet, daß bsenriette Fürth auf lichter Sonnenhöhe und im düsteren Nebelgrau geschritten ist. Tiefer hat sie das Leid, stärker hat sie die Sonne empfunden als die Menschen des Alltags: möchte sie uns in Zukunft nur von Sonnentagen sagen können. wir wünschen dem-Gedichtband der 1911 im „Modernen Verlags-Büro, Turt Wigand, Berlin-Leipzig" erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben ist (j)reis Mk. 3) weiteste Verbreitung. Ella Seligmann. „Merob." Me Tochter Sauls, von Johanna Wolfs- Hamburg. Zn den letzten beiden Zähren fiel uns die eigentümliche Tatsache auf, daß die jüdischen Milieustücke oder zum mindesten Stücke mit jüdischem Einschlag an unseren Bühnen mit Vorliebe aufgeführt und von den Theaterleitern bevorzugt werden, weil sie volle Häuser machen. Zch erinnere an „Hinter Mauern", „Die fünf Frankfurter", „Zettchen Gebert", „Meyers" u. a. m. Der Anreiz für uns Zuden diese Stücke zu sehen, liegt wohl zum größten Teile in eben der Milieuschilderung. Der Freitagabend in „Hinter Mauern" löst selbst in dem modernsten Zuden häufig eine ferne, altvertraute Kindheitserinnerung aus, und die vornehme, greise Stammutter des Dauses Rothschild in den „5 Frankfurtern" läßt auch in vielen von uns ein Erinnern an solch' edle jüdische 'Frauengestalt, die uns selbst teuer war, aufsteigen. . Für unsere andersgläubigen Mitbürger mag wohl der Anreiz dieser Stücke darin liegen, daß sie eben einmal hinter fremde Mauern sehen, eine Neugierde, die in der menschlichen Natur begründet ist. Heute liegt kein modern jüdisches Milieustück vor mir, sondern in die fernste Vergangenheit unseres Volkes werden wir von dem mir als Manuskript vorliegenden Drama geführt. Merob, die Tochter Sauls, von der wir uns aus der flüchtigen Erwähnung in der Bibel kein Bild machen können, steigt durch die schöpferische Kraft einer wahren Dichterin zu einer Gestalt von gigantischer, unheimlicher Größe vor uns auf; an eine Medea, eine Elektra werden wir schaudernderinnert. Einer Seherin gleich ahnt sie voraus, daß David der sein wird, „der besserist denn Saul" und ihm das Reich nehmen wird und alles, alles versucht sie, um David zu vernichten, den ihre Seele ebensohaßt, wie sie Saul vergötternd liebt. Diese Liebe aber, die keine reine Tochterliebe ist, „die Tochter liebte Dich, das Weib viel mehr" hat für das reine Empfinden etwas unendlich peinliches und Quälendes, wir glauben nicht, daß die Dichtung von ihrer Schönheit und Wirkung verlieren würde, wenn dieses unnatürliche Motiv fehlte. Voll herzbezwingender Schönheit und- Poesie, dem „Hohenliede" glücklich nachgedichtet, sind die Liebesszenen zwischen David und Michal, wie aus einem Guß die «nächtige, verdüsterte Gestalt des Saul, ein Zweifler, der den tiefsten Problemen des Daseins nachsinnt, „wir suchten alle irrend uns're Götter", ein modern empfindender Mensch, im Gegensatz wenigstens zu Samuel, der als finsterer Zelot geschildert wird. Ernstes versenken in die alte, biblische Welt, edle, zum teil klassische Sprache, oft überraschend schöne, tiefe Gedanken machen die Dichtung für jeden, der sie liest, zu einem eigenartigen, künstlerischen Erlebnis. wir wollen der Dichterin wünschen,, daß sich bald ein Theaterleiter findet, der diesem kraftvollen Werke seine Bühne öffnet, es würde dort gewiß seine Wirkung ebenso wenig verfehlen, wie bei der Lektüre. Ella S e l i g m a n ch