Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 157 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Süchrrfchau 157 haben scheint, ein freier, vornehmer und humaner Mensch, fühlt sich nicht berechtigt, Den tiefbeleidigten Iudenknaben zu bestrafen. Im Verkehr mit diesem Rektor, der den scheuen, Vereinsamten warmherzig zu sich heranzieht, gibt Jakob allmählich viele jüdische religiöse Gebräuche auf, die sein reifender Verstand nicht billigen kann. Von seinen Mitschülern verachtet und hinterrücks gehänselt, von der engen Religionsübung im ^ause seines Pensionsvaters, des Onkels Markus, zurückgestoßen, zieht sich sein durch frühes Leiden überaus sensibel gewordenes -kserz immer qualvoller zusammen; er fühlt sich heimatlos und sehr unglücklich. In den Ferien, die er im Llternhause -verbringt, kommt es zum Bruche mit seinem frommen Vater, weil er die Arbakanphaus nicht mehr trägt, keine Tephillim mehr legt und die Speisegesetze nicht immer beobachtet hat. Rur äußerlich findet eine Versöhnung statt, die Familie hält ihn für mißraten, er Ist ein Fremder auch im Elternhause geworden. Er ist obdachloser als die Möven, die das Schiff umflattern, das ihn nach Kopenhagen zurückträgt. — ' . Rach vorzüglich bestandenem 'Examen studiert Jakob in Kopenhagen Medizin. Das -Problem der jüngeren Jahre wird schwerer, se reifer sein Intellekt sich entfaltet: Das Ghetto hinter ihm wie eine verlorene Heimat, die christliche Umgebung fremd, wenn nicht gehässig. Ein anderer jüdischer Student, der, robuster und weniger kompliziert, unter diesen Dingen wenig leidet, rät Jakob, den er ungeahnten Dualen gegenüber sieht, sich durch die Taufe von seiner Zwitterstellung zu befreien. Dieses Ansinnen weist Jakob entrüstet zurück. Das würde für ihn einer Verleugnung seiner Vergangenheit, seines ganzen Selbst gleichkommen. Sein Blut liebt die Juden, sein Geist kann unter ihnen nicht leben. Später sagt er über die Taufe: „Es wäre, als ob ich'meine Mutter aus dem Hause jagen wollte, daß sie unter Fremden bettle." Run sucht er den Anschluß an christliche Kreise. Das vielfältige Leben überkommt seine doch noch ungebrochene Natur wie ein Rausch. Aufblühend glaubt er „an die xwige Poesie und das ewige Leben". Er verliebt sich in die Schwester eines jungen Kollegen, Thora Faugel. Sie fühlt das Besondere an ihm, er ist der Einzige von all den jungen Leuten, bei dem man „die Seele zu sehen glaubt". Die Eltern, vorurteilslose, echt nordische Menschen, ritterliche Demokraten, von modernen Ideen erfüllt, willigen in dieses unerhörte Verlöbnis ein. Nach einer kurzen glücklichen Zeit überkommen Jakob wieder die Hemmungsvorstellungen, die ihn mißtrauisch machen und unsäglich leiden lassen, wenn er mit seiner Braut nicht allein sein kann. Eine Tante Thoras, Pfarrerswitwe, sucht in taktloser Meise ihn zum Lhristentum zu führen, ein wehmütiger Brief seines doch geliebten Vaters, schließlich gar die Aeußerung seinerganz verquälten Braut, er möge übertreten, und zuletzt eine Szene mit Leutnant Engberg, einem faden Blondling — einst jener Knabe, den'er am heimatlichen Strand verprügelt hatte — der ihm als Juden die Satisfaktion verweigert, gibt den Ausschlag: Er verläßt Kopenhagen, um an den Revolutionskämpfen in Paris, die mit der Vertreibung Karls X. einsetzen, teilzunehmen und sich einen militärischen Rang zu erwerben. Run beginnt der romantische Teil des Romans, in dem des Dichters Anhängerschaft an die große europäische Revolutions- Partei der Gutzkows u. a. zum Ausdruck kommt. Bei seiner Ankunft in Paris ist die Revolution bereits beendet. Jakob erlangt ein Vffizierspatent für Algier, wohin er bald abreist, Verzweiflung im Kerzen, weil seine Liebe zu Thora — sie hat seinen Brief nach der fluchtartigen Abreise nicht beantwortet — nicht sterben kann. In Algier empfängt er die Nachricht vom Ableben seines Vaters, tags darauf findet ein Gefecht mit den Arabern statt. Die weißen Burnusse lösen in seinen fiebernden Sinnen die Vorstellung der Juden am Versöhnungstage aus, er bleibt wie gebannt zurück und muß den Vorwurf der Feigheit durch ein Duell wettmachen, eine Rebertreibung des Dichters, krampfhaft wie manche andere Verzerrung dieses Leidensromans. Mit dem polnischen Offizier I o s i n s k i, einem literarischen Sprößling der Kosinski und