Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 155 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Süchrrfcha« 155 durch Waschungen und Bäder, kurz eine Fülle Höchst zeitgemäß anmutender Vorschriften und Regelungen. Ihre Verbindlichkeit wurde dadurch erhöht und ihre Durchführung dadurch gesichert, daß man sie mit der Hoheit göttlicher Satzung umkleidete. Von großem allgemeinem Interesse sind die angeschlossenen Darlegungen über die Wohlfahrtspflege bei den Juden. Sie erweisen, daß eine Reihe von Forderungen und Maßnahmen, um die heute noch und keineswegs immer mit vollem Erfolg gerungen wird, bei unfern Altvordern als selbstverständliche Satzungen und Auflagen göttlicher Herkunft geübt wurden. Es sei in diesem Zusammenhang nur an den Zehnten, das Iobeljabr, das Armen- und Fremdenrecht erinnert. Auch an sozialpolitischen Rlaßnahmen und bezüglichen gesetzlichen Anordnungen steuerlicher und anderer Art fehlte es nicht. So bestimmt der Schulchan - Aruch, daß „die Einwohner gezwungen werden können, zu allen Bedürfnissen der Stadt beizutragen." Das gilt besonders für die Wasserversorgung, zu der auch die beitragen müssen, die ohne selbst in der Stadt zu wohnen, dort ein Grundstück besitzen. Von besonderem aktuellen Interesse ist, angesichts des heute um diese Dinge entbrannten Kampfes, die den Stadtverwaltungen auferlegte Pflicht für billige Lebensmittel zu sorgen und das ihnen zugestandene Recht, Lebensmittelwucher streng zu strafen und jeweils die gerechten Marktpreise selbst festzusetzen. -— Auch die Armenpflege sehen wir bereits städtisch geordnet. Des weiteren enthält unser Sammelwerk eine Reihe anderer einschlägiger Arbeiten, unter denen besonders die Teilhabers über die Sterblichkeit der Juden und die Einlei-? tung des Herausgebers zu nennen find. Von hohein Interesse sind auch die in einem Anhang mitgeteilten wohlwollenden Aeußerungen hervorragender Persönlichkeiten über die Hygiene der Juden. Für all das muß auf die dringend zu empfehlende Lektüre des Buches selbst verwiesen werden. Es darf indessen nicht verschwiegen werden, daß die Uebersichtlichkeit der Darstellung und damit der Wert des Buches durch die unsystematische Anordnung des Stoffes beeinträchtigt wird, sowie daß der eine und andere Beitrag, bei interessanten Einzelheiten, Vermutungen und persönliche Anschauungen statt beweisbarer Tatsachen gibt, andere in den Zusammenhang dieses Werkes überhaupt nicht gehören. Henr. Fürth. Ueber Meier Aaron Goldschmidts Roman: „Gin Jude"^ von Georg I. sslotke, z. Zt. Münster i. W. Im Jahre (8^6 hat Meier Aaron Goldschmidt als Sechsundzwanzigjähriger in Kopenhagen diesen Roman geschrieben, der wie kein anderes seiner bedeutsamen Bücher aus persönlichsten Erinnerungen und Ideen heraus geboren wurde. Goldschmidt hatte sich schon als Jüngling auf der politischen Arena getummelt und jüdischen Herzens, leidenschaftlich und spottend, in seiner Zeitschrift „Der Korsar" dem welkenden Absolutismus seines dänischen Vaterlandes den Todesstoß versetzt. Später war sein Streben darauf gerichtet, die anämische, gedanklich übersättigte und deshalb schemenhafte Religiosität des großen Kierkegaard zu befehden. Wenn auch diese Kämpfe — politisch richtete er sich später gegen den hochmütigen und hohlen Nationalliberalismus Dänemarks — Goldschmidts ganzes Leben begleiteten, so ist doch das Entstehungsjahr des Romans „Ein Jude", ein Wendepunkt für ihn. Die Zeitschrift „Der Korsar" hatte ihr Erscheinen eingestellt (nach sechsjährigem Bestehen). und mit den schwermütigen Akkorden dieses Romans beschritt Goldschmidt die literarische Laufbahn. Er hat jüdische Stoffe auch später noch bearbeitet, nie allerdings mehr mit der elementaren Stoßkraft seines ersten Romans, und sich seit seinem (887 erfolgten Tode eine höchst ehrenvolle Stellung in der dänischen Literatur bewahrt. Als starker Intellekt und feiner Stilist wird er in gleicher Weise geschätzt, die dichterischen Möglichkeiten seines Landes erweiternd und h Uebersetzt von Ernst Guggenheim, Berlin. Axel Juncker Verlag 1912. Ich inöchte hier daraus Hinweisen, daß bei dem Verlag auch sonst in letzter Zeit jüdische' Romane erschienen sind; Lichtungen, denen, mögen sie auch umstritten werden, niemand ihre Wesentlichkeit wird absprechen können.