Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 151 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Kücherschau 151 können. Da hieß es nun, der prophetischen Doppelforderung Genüge leisten, „zu zerstören und einzureißen, zu bauen und zu pflanzen". Dieser zwiefachen Aufgabe ist Seligmann gerecht geworden: Mit mutiger Lsand hat er diejenigen Stellen ausgemerzt, die wir mit unserer veränderten Geschmacksrichtung nun einmal nicht mehr in Linklang zu bringen vermögen. Die für unser Empfinden unmöglichen Zahlenspielereien des Rabbi Jose, des Rabbi Elieser und des Rabbi Akiba sind verschwunden,-) desgleichen das nichts weniger als geschmackvolle „äazenu". Bezeichnend ist es übrigens, daß alle diese Stücke sich auch in der Haggadah des Maimonides nicht finden. Mit um so größerer Schärfe ist dafür das religiös Wertvolle hervorgehoben worden, Hier hat Seligmann mit anerkennenswertem Geschick „gebaut und gepflanzt", hier ist er in manchen Punkten sogar über die alte Haggadah hinausgegangen. So, wenn er, dem vorbilde unserer alten Weisen folgend, auf die Bedeutung eines jeden der vier Gläser hinweist (Auszug, aus Egvpten, Freiheit, Erlösung, Erwählung Israels zum Volke der Religion, nach der Deutung von 2. B. Mose 6, 6 und 7); oder, wenn er die Bedeutung des Propheten Elia, des „Schutzgeistes' des peßachfestes, den die alte Haggadah mit keinem Worte erwähnt, in das rechte Licht setzt (s. 5. \2, 28 und 29). Sehr zu begrüßen ist die Beigabe der Noten zu den gesanglichen Teilen. Die Komponisten (Jacques Gffenbach und der Hamburger Dberkantor Henle) haben sich der überlieferten peßachgesänge angenommen und so zu ihrer Erhaltung das ihrige beigetragen. weniger einverstanden bin ich mit den Bildern, die einer handschriftlichen Amsterdamer Haggadah aus dem 18. Jahrhundert entnommen sind. Gewiß, der'Haggadah fehlt etwas, wenw siekeine Bilder enthält, warum nützen wir denn aber den alten Gebrauch, die Haggadah mit Bildern zu schmücken, nicht lieber dazu aus, den Sinn der Kinder für wahre Kunst zu wecken und ihnen zu zeigen, wie bedeutende Künstler der verschiedensten Zeiten ihre Kunst an biblischen Stoffen geübt 2) Es wäre gut, wenn in einer neuen Auflage auch der Hinweis auf diese Spielereien (S. 18 f). gestrichen würde. haben? Ich denke da an Michel Angelo (Moses), Rembrandt (Jakob segnet seine Enkel u. a), oder an neuere Künstler wie Bendemann, Israels, Lesser Urv, Hermann Struck u. a. Auffallend ist es, daß das Vorhandensein von zwei Sederabenden mit keinem Worte' erwähnt wird. Auch in dem Seligmann'schen Gebetbuch werden die zweiten Feiertage (mit Ausnahme von Simchaß Thauroh) nicht berücksichtigt. Das alte Machsor und die alte Haggadah haben da nach dem Grundgesetz gehandelt: „Abwechselung erfreut". wenn die zweiten Feiertage in unseren Gemeinden durch Festgottesdienst begangen werden und der zweite Sederabend in vielen Familien abgehalten wird, so muß die Liturgie auch Rücksicht darauf nehmen. In der Haggadah sollten deshalb bestimmte Teile für den ersten und andere für den zweiten Teil empfohlen werden. In der Haggadah von Leopold Stein heißt es gegen Schluß des ersten Teils: „Hier mag der Vortragende inne halten und in frommer, freier Betrachtung des vergangenen Jahres und der Geschicke des eigenen Dauses und der Menschheit gedenken". Auch in der neuen Seligmannschen Haggadah hätte ich einen ähnlichen Hinweis daraüf gewünscht, daß die religiöse Familienfeier ihre Krönung fi n d etinfreien Betrachtungen. Erwachsene sollen religiöse Fragen besprechen, Kinder sollen ihre Eltern erfreuen durch Erzählungen aus biblischer und nachbiblischer Geschichte oder durch den Vortrag von Gedichten jüdischen Inhalts. Nichts erhöht — das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen — die Freude und die Feierlichkeit unserer Sederabende so sehr, wie diese selbsttätige, von der gedruckt vorliegenden Haggadah unabhängige Mitarbeit von Jung und Alt. Unsere weisen haben mit ihrer Behauptung sehr recht: wechni luininuitbeh lessapper etc. Alles in allem dürfen wir die neue Haggadah als eine sehr erfreuliche positive Leistung unseres liberalen Judentums begrüßen. Soll die Haggadah aber ein Volksbuch werden, so ist eine billige Volksausgabe dringend erforderlich. Mag die vorliegende Ausgabe als Pracht-