Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 143 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Fr! iX Freudenthal: Arutschland ohne Juden 143 dem eisernen Würfelspiel des Krieges ist nun einmal nicht zu trauen und der liebe Gott ist, wie Napoleon sagte, meist mit den stärkeren Bataillonen. Aber dazu gehört Geld, Geld und abermals Geld und schon um dieses herbeizuschaffen und im gegebenen Moment in Fülle zu besitzen, kann Deutschland der merkantilen Kraft und Gewandheit jüdischer Kaufleute nicht entbehren. Ls wäre also nicht bloß ein Zeichen schwärzesten Undanks, sondern politischer Torheit und Beschränktheit der Entfernung der Israeliten aus Deutschland das Wort zu reden. Besonders auch das wissenschaftliche und geistige Niveau unseres Vaterlandes würde bedenklich sinken, haben sich doch Juden als Aerzte und Naturforscher, als Anwälte und Lehrer, als Fach- und Tagesschriftsteller rühmlich hervorgetan, verbissene Gegner verweisen nur zu gerne auf die sogenannte Iudenpresse, also auf Zeitungen, die angeblich von jüdischen Redakteuren geleitet werden. Diese sollen das deutsche Volk, wie in wüster Uebertreibung behauptet wird, verluden, verführen und verhetzen. Auch hier sehen jene Volksbeglücker den Balken im eigenen Auge nicht. Gerade die Journale antisemitischen Tharakters sind es, welche die politische Brunnenvergiftung systematisch betrieben und den Menschenhaß künstlich kultivieren, weil sie davon leben. Mögen nun einige andere Blätter nicht immer den nötigen Takt wahren, mögen ihre Lokalnachrichten mitunter auf Sensationen und Effekthascherei zugeschnitten sein, ja will das zeitungslesende Publikum, getauftes wie ungetauftes, es anders haben? Liest denn die Menge gerne streng seriöse Blätter? hier geht es ähnlich 'wie mit gewissen Theatern und großen Warenhäuser. Gs wird gegen sie entsetzlich getobt und geschimpft, aber die lautesten Schreier sind in der Regel die häufigsten Besucher, wie würdM sich die Dinge abspielen, wenn die Juden ihr deutsches Vaterland freiwillig oder gezwungen verließen? Grade die großen und kleinen Agrarier, die stets am heftigsten gegen die „Fremden" zu 'Felde ziehen, dürften sich sehr schnell nach ihnen zurücksehnen, weil sie ihre^ bequemsten und gefügigsten Abnehmer, pünktliche Zahler und tüchtige Unterhändler, Vermittler und Kommissionäre waren. Arme und hilfsbedürftige müßten der bekannten Wohltätigkeit und Fürsorge ihrer israelitischen Mitbürger entbehren, umfangreiche Gewerbebetriebe würden eingehen, und der Fiskus selbst, jenes religionslose gefräßige Raubtier, infolge Stockens aller Geschäfte auf magere hungerkost gesetzt werden. Darum haben weitblickende Herrscher, wie der große Kurfürst, die Dränier, Napoleon und manche Kronen tragende Zeitgenossen in unparteiischer und gerechter weise sich der Juden angenommen. Keiner von ihnen hat das zu bereuen gehabt. Sind sie doch in überwiegender Mehrzahl überall treue und folgsame Staatsbürger, prompte Steuerzahler, wackere vaterlandsliebende Soldaten, rührige, für das Gemeinwohl besorgte Mitbürger geworden, und besonders Deutschland verdankt ihnen einen nicht zu unterschätzenden Teil seiner Blüte, politische Ausschreitungen einzelner überreizter Personen haben mit der Allgemeinheit nichts zu tun, und wenn gewisse Hetzer die deutschen -Juden für den Sozialismus und den Anarchismus verantwortlich machen möchten, so * ist dies wieder eine freierfundene auf gehässiger Verleumdung beruhende Lüge. Nicht die Juden sind es, sondern eine kleine Anzahl Personen israelitischerAbstammung, die meistens der väterlichen Religion den Rücken gekehrt, liebäugelt mit der roten Fahne, von deren Sieg sie die Anerkennung jedweder Menschenrechte und eine neue Aera allgemeiner Gleichheit erwartet. Diese Leute sind keine Verbrecher, sondern utopistische Schwärmer, mit