Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 142 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Mr. Felir Freudenthal: Arutschland ohne Juden Verzicht auf Epauletten und Staatskrippe die konservative Gesinnung nicht bald in ihr Gegenteil umwandeln würde. Die deutschen Juden aber sind zu allen Zeiten, ob verfolgt und zurückgesetzt, ruhige und loyale Untertanen gewesen, auch in ihrer Mehrzahl keineswegs, wie böswillig behauptet wird, republikanisch oder sozialistisch gesinnt. Wie könnte auch ein Volk, das so zäh und unbeirrt seine eigene Königsgeschichte hochhält und traditionell überkommenen Sitten und Gebräuchen nächlebt, im öffentlichen und staatlichen Leben sich zum Gegenteil bekennen. Einige Dutzend Schreier und Hitzköpfe, so talentiert und redegewandt sie auch sein mögen, vertreten noch lange nicht das deutsche Judentum. Befreie man die Israeliten .von dem ungerechten Druck, beweise man ihnen nicht nur mit schönen Worten, sondern mit Taten die verbriefte Gleichberechtigung, eröffne man ihrer Begabung die streng verschlossenen^ ordentlichen Lehrstühle, sehr bald würde unsere Opposition gegen die bisherige Iudenbehandlung verstummen. Abweisungen und Einhaltungen verbittern, das ist einmal menschlich, und wenn Kränkungen Jahrhunderte.lang als Prinzip gelten, so darf sich niemand wundern, wenn auf der unterdrückten Seite unfreundliche Gefühle gegen solches System sozusagen hereditär werden. Kleine, aber mächtige Parteien, gewisse Lsof- und Kirchenkliquen stellen sich noch immer der Parität entgegen, ja sie würden es mit Freuden begrüßen, wenn der letzte Jude aus Deutschland verschwände. Und doch kann nur em blinder Fanatiker leugnen, daß der freiwillige oder erzwungene Auszug der Israeliten dem Deutschen Reich ein ähnliches Schicksal bereiten würde, wie dies im Io. Jahrhundert Spanien zu Teil wurde. Handel und Industrie, diese Lebensnerven des modernen Großstaats, diese gewaltigen Faktoren und Geldquellen, denen unsere heutigen Riesenheere zum allergrößten Teil ihr Bestehen verdanken, würden gar bald brach liegen, Haben doch grade jüdische Finanzmänner und Großindustrielle überwiegend dazu beigetragen, den Weltruf und die Weltstellung der deutschen Arbeit, der deutschen Produktion und des deutschen Handels zu begründen und zu festigen. Der unermüdlichen rastlosen Energie, dem erstaunlichen Wagemut und Betätigungsdrange, dem umfassenden Scharfblicke dieser als vaterlandslos angefeindeten Rasse ist es also besonders zuzuschreiben, wenn das Reich gegenwärtig mit Engländern und Amerikanern in siegreichen Wettbewerb treten kann, wenn seine Börsen in Europa tonangebend sind, und sein Wohlstand in erstaunlichen Dimensionen derart gestiegen ist, daß gewaltige Armeen und gefürchtete Kriegsschiffe dauernd erhalten werden. So anerkennenswert auch die Leistungen des Ackerbaues sind, so notwendig undsegensreich für das allgemeine Gedeihen ein seßhafter Besitzer- und blühender Bauernstand ist, nie hätte der Landmann ohne die kräftige Hilfe der Kaufleute, Gewerbetreibenden und Fabrikanten Deutschland zu der glänzenden und überragenden Stellung erheben können, die es gegenwärtig im Rate der Völker einnimmt. Kriegerische Eigenschaften allein, wie sie die germanischen Stämme zweifellos in hervorragender Weise besitzen, genügen in unseren Tagen doch nicht mehr, um das Wohlergehen einer Nation für die Dauer zu verbürgen. Die großen Militärmächte, eifersüchtig und mißtrauisch unter einander, überbieten sich in der Erfindung neuer Mordwerkzeuge, in der Aufstellunng gewaltiger Volksheere, in der Begründung schwimmender Festungen, und selbst die Luft muß dazu herhalten, den Feind hoch aus den Wolken zu verderben und zu vernichten. Aber